I. Michael Denhoff ist für mich eine überraschende, bereichernde Entdeckung. Nicht, dass er mir vormals unbekannt war, zwei Klavierzyklen und ein Orchesterwerk hatten mir jedoch nicht vermitteln können, welch ein edler Mensch er zu sein scheint (dieser Eindruck entsteht durch persönlich vorgetragene Werkeinführungen, Video-Interviews, Texte, etliche Haikus und Dreizeiler), ein nahbarer Zeitgenosse ohne Künstlerinszenierung, vielleicht sogar ein stupender Erfinder von tief empfundenen Kammermusiken, die so viel in sich bergen, dass man sich für Monate darin einwickeln kann - kurz: Ich will mich ihm nähern bzw. seinem Werk, seine Entwürfe lösen mehr in mir aus als alle anderen deutschsprachigen Tonsetzer in seiner Altersgruppe es derzeit vermögen, Wolfgang Rihm ausgenommen. Dass ihn Bernd Alois Zimmermann und Bartok zur Musik gebracht haben, hört man seinen Stücken - soweit ich sie kennen lernen konnte - nicht an.
II. Das Samenkorn von "in unum deum - credo op. 93" ist ein siebentöniges Motiv, doch man muss nichts über die Architektur dieser 35-minütigen Vertonung des Glaubensbekenntnisses wissen, um sich dort hinein zu begeben. "Es gibt Dinge, die lassen sich nicht besser mitteilen, als mit Klang. Wir können anfangen, diese Musik zu beschreiben, ihre Phänomene einzuordnen, aber letztendlich straucheln wir nur an der Oberfläche. Wir kommen dem letzten Geheimnis von Musik durch Sprache nicht auf die Spur", erzählte er in einem Interview (2008), und tatsächlich wirkt das Werk für Sopran, Bariton, Chor, Orgel und Orchester vor allem unmittelbar, ist weder verkopft noch neotonal, komplex genug, um konservative Hörer heraus zu fordern und so vielschichtig, dass auch Neue-Musik-Liebhaber (jene, die nicht festgefahren sind und nicht alles für Kitsch halten, was nicht knarzt, sticht und haucht) etwas Wertvolles entdecken können. Er hat bewiesen, dass Musik für den Kirchenraum und unter Einbindung von Gemeindemitgliedern von einer Schönheit sein kann, die nichts mit blumiger Lieblichkeit (Musik als Nippes), gegelter Postmoderne (Zitatenschatzkiste) oder gar mit sakralem Bitterernst (mit Büßerhaltung) erkauft wird, den uns Penderecki seit über vierzig Jahren auftischt. Der achte und letzte Teil ("Et exspecto") beschert mir immer noch - auch beim zwanzigsten Durchlauf - eine bittersüße Traurigkeit, die auch Erlösung ist, weniger im christlichen als im philosophischen, geistigen Sinne. Die gesprochenen Zitate aus Briefen und Texten von Celan, Pessoa, Marai und Mozart mögen ihren Teil dazu beitragen ("Niemand bespricht unseren Staub... nie-hie-mand..." - hier schon beginnt mein innerstes Zittern, meine Ergriffenheit, nach der ich suche und die ich bei Neuer Musik, vor allem jener mit ganz großem "N", letztlich selten finde). Für ein paar Minuten glaube ich tatsächlich, dass "der Tod der wahre Endzweck unseres Lebens ist", dass er eventuell, und wenn nicht für mich, dann für einen anderen "viel Beruhigendes und Tröstendes" haben könnte. Es ist eine Illusion, aber eine, die ich, während die Kompositon noch andauert, annehmen kann.
III. Dabei ist dieses Werk stellenweise auch reichlich unspektakulär, sofern man nur Ausschnitte wahr nimmt. Sein Reichtum entfaltet sich erst, wenn man sich der Musik einfach von Anfang bis Ende überlässt, am besten im Channel Surround Sound, den meine bescheidene Anlage leider nicht wiederzugeben in der Lage ist. Dann würden die Stimmen der Gemeindemitglieder (zu Beginn und am Ende) besser hervor treten, so versinken sie eher im orchestralen Gewebe. Denhoff setzt zahlreiche Merkpunkte, die schon bei der ersten Begegnung klar hervor treten (z. B. die helle Percussion im zweiten Teil), erinnerbar sind, und er hat eine Komposition für Chor geschrieben, die fest verzahnt ist mit den Instrumenten, den beiden Solo-Stimmen und der selten vernehmbaren Orgel.
IV. Aus dem sehr informativen, vorbildlichen Booklet-Text von Joachim Herten: "Es fällt auf, wie gut in diesem Werk der lateinische Text des Credo über weite Strecken verständlich ist. Das liegt daran, dass die Chorpartien (...) diatonisch-tonal gehalten sind. Die Partien der Solisten, die sehr viel subjektiver und expressiver gestaltet sind, und die Texte, die in ihnen verarbeitet sind, sind heutiger, neuer und chromatisch reicher. (...) Es entwickelt sich beim Hörer Bestärkung im zweifelnden Glauben und im glaubenden Zweifel - wie Licht, dessen Leuchtkraft erst durch Schatten und Schwärze zum Strahlen gebracht wird."
V. Denhoff schenkt uns auch ein Werk für Chor a capella, quasi die heraus gebrochenen Chorstücke der Vollbesetzung, versehen mit kleineren Erweiterungen. Diese Fassung ("credo op. 93a") ist keinesfalls ein Abfallprodukt oder - freundlicher ausgedrückt - ein Baustein, den man behelfsmäßig in Ermangelung anderer Spieler zur Aufführung bringen kann. Es ist ein Werk mit eigenem Lebensrecht, unsentimentale, dramatische, doch immer aufs Wesentliche reduzierte, reine Musik, nur eine Viertelstunde lang. Zu bewältigen von ambitionierten Amateurchören. Dieses Stück sollte öfter einstudiert werden, auch wenn es nicht ganz die Bedeutung des Hauptwerkes hat. Das Stück für Orgel ("Aus tiefer Not") mag ich nicht kommentieren, da ich mit diesem Instrument überhaupt keine Erfahrung habe. "Volumina" von Ligeti ist das einzige Werk für Orgel, das ich jemals vollständig gehört habe, mit wenig Genuss. Dass mir das Denhoffsche Stück nicht gefällt, tut somit nichts zur Sache.
VI. Bevor Sie eine Messe o. ä. von Volker David Kirchner kaufen/leihen/erleben: Denhoff hören. Bevor Sie eine Messe o. ä.. von den Herren von Schweinitz, Hufschmidt, ja sogar Rihm kaufen/leihen/erleben: Denhoff hören. Bevor Sie... Das geht so weiter. Davon ausgenommen - für den deutschsprachigen Raum - ist die "Dahlemer Messe" von Dieter Schnebel, die noch immer unerreicht ist aus meiner bescheidenen Perspektive. Und alle sakralen bzw. liturgischen Werke des 20. und 21. Jahrhunderts, die ich nicht kenne, aber unbedingt kennen sollte, und das sind vermutlich Dutzende. Bis dahin: Denhoff. Besuchen Sie unbedingt seine Homepage!