Die vorliegende DVD erinnert von ihrer Machart her an die DVD-Reihe "Classic Albums", nur dass sie diese allein von der Gesamtlaufzeit (rund 3 Stunden Material) und in der Sorgfalt an Recherche etc. übertrifft und ein entsprechendes Booklet beinhaltet.
Beleuchtet werden nicht nur die rund 2 1/2halbjährige Karriere von Cream in den Sechzigern, sondern u.a. auch die Stationen, die die Musiker durchliefen, bevor sie sich zu dieser ersten "Supergroup" zusammen fanden: die Roosters, die Yardbirds und John Mayall's Blues Breakers (Eric Clapton), Manfred Mann (Jack Bruce) und die Graham Bond Organisation (Jack Bruce und Ginger Baker). Zu sehen sind Szenen aus der Einführung Creams in die Rock & Roll Hall of Fame am 12.1.1993, es wird beleuchtet, wie es 2005 doch noch einmal zur Reunion kam, und den Abschluss bilden aktuelle Aufnahmen ihrer Wiedervereinigungskonzerte im Mai 2005 in der Londoner Royal Albert Hall sowie im Madison Square Garden in New York später im selben Jahr.
Selbstverständlich kommen alle drei Musiker selber in speziell für diese DVD geführten Interviews zu Wort: Clapton plaudert sehr angeregt und entspannt in seinem Wohnzimmersessel, und Jack Bruce wirkt mager und gesundheitlich noch mitgenommen, aber auf dem Weg der Besserung und leistet sich manche feine Ironie. Ginger Baker kommt überwiegend auf seiner Farm in Südafrika zu Wort; seine Antworten zeigen deutliche Spuren von Bitterkeit, Ärger und Wut über Geschehnisse der älteren wie auch der jüngeren Vergangenheit, z.B. über wenig schmeichelhafte Äußerungen von Jack Bruce über ihn oder über die Tatsache, dass er, ungeachtet seiner musikalischen Beiträge zu Tempo und Rhythmus von z.B. Sunshine of your Love und White Room, heute immer noch weniger an den Cream-Alben verdient als die Komponisten Jack Bruce und Pete Brown.
Sehr schön wird das Psychogramm der drei Musiker deutlich, das dann auch - neben dem Tourstress und zu geringen Einnahmen und Erholungszeiten - 1968 zur Trennung führte: Clapton als der konfliktscheue Vermittler zwischen den, sagen wir, recht "eigenen" Persönlichkeiten von Jack Bruce und Ginger Baker - genauer: beide können offenbar von recht störrischer bis explosiver Natur sein (Clapton vergleicht ihre Streitereien liebevoll mit denen seiner kleinen Kinder). So berichten beide Beteiligten übereinstimmend, dass ein Türsteher Mitte der Sechziger Jack Bruce das Leben rettete, als Ginger Baker Anstalten machte, in umzubringen - nicht die besten Voraussetzungen für die Gründung einer auf Dauer angelegten Band. Sowohl Clapton als auch Baker führen ihre Hörschäden auf das damalige Ego-Wettrüsten mit immer lauteren Marshall-Amps auf der Bühne zurück; Baker hatte teilweise Blasen an den Händen, weil er so laut spielen mußte, um sich selbst überhaupt hören zu können.
Ebenfalls zu Wort kommen weitere wichtige und interessante Interviewpartner, Geschäftsleute, Studiomitarbeiter und Musiker, deren Wege sich wiederholt mit denen von Cream kreuzten: der britische Journalist Chris Welch; Ahmet Ertegun, inzwischen verstorbener Gründer von Atlantic Records; Tom McGuiness (Roosters, McGuiness Flint etc., '63 mit Clapton bei den Roosters); Paul Jones, Sänger bei Manfred Mann; Ben Palmer, Road Manager der Roosters und von Cream; Cream-Texter Pete Brown; Produzentenlegende Tom Dowd; B.B. King; Promoter Harvey Goldsmith; Rolling Stone-Journalist David Fricke; Plattenfirmenchef Robert Stigwood, Chris Squire (Yes) etc.
Der Hauptteil der DVD dauert 113 Minuten; im Bonusteil gibt es neben der obligatorischen Bildergalerie noch eine Stunde lang Zusatzinterviews mit Eric, Jack und Ginger (der uns beim Schlagzeugüben zusehen läßt und seinen Pferdestall präsentiert), sowie mit Rory Gallaghers Bruder Donal, Tony Palmer, dem Regisseur des Konzertfilms von Creams Abschiedskonzert '68 in der Royal Albert Hall, Moody Blues-Bassist John Lodge, dem Yes-Schlagzeuger Alan White etc. Leider ist das Interviewmaterial im Bonusteil oft nur ein Rohschnitt und nicht von störenden Nebengeräuschen befreit worden. Ein Interviewmitschnitt mit B.B. King und Solomon Burke, so amüsant er ist, steht leider in gar keinem Bezug zu Cream.
Zusätzlich sind Farbaufnahmen von Spoonful, Tales of Brave Ulysses und Sunshine of your Love aus dem Revolution Club in London im November '67 (ohne Publikum, nur für die Kamera) zu sehen.
Einziges, aber deutliches Manko der DVD ist die über weite Strecken holprige, schlampige und oftmals ärgerliche deutsche Übersetzung in den Untertiteln (auf englische wurde ganz verzichtet), die zwangsläufig immer dann entsteht, wenn mit der zu übersetzenden Materie nicht vertraute Übersetzer engagiert werden: Bereits im Menü steht "UNfassende Interviews", und fast durchgehend heißt es (in allen möglichen Kombinationen) "rauß", d.h. die Unterscheidung zwischen "s/ss/ß" ist offenbar zweitrangig, Groß- u. Kleinschreibung ebenfalls. Aus dem US-DJ Murray the K wird durchgehend "Murray Decay", was zu unfreiwilliger Komik führt; aus Arif Mardin wird "Arith Martin", aus Jeff Beck "Geoff Beck"; aus "straight blues" "street blues", aus "Hey lawdy Mama" "Hey Lordy Mama", aus "organ" (Orgel) wird eine "Mundharmonika" (was auf eine "mouth organ" zutreffen würde), aus Norfolk, Virginia wird "Northwood". Man hätte den Namen "John May-E-ll" einfach korrekt (mit "a") aus dem Film abbuchstabieren können, und Jack Bruce spielte auch nicht "in Trad's Jazz Band", sondern IN EINER Trad Jazz Band! Sowas ist einfach höchst ärgerlich und verwässert im schlimmsten Fall den Sinn, und es geht viel besser (s. z.B. die Beatles-"Anthology"-DVDs)!
Zusatz-Schmankerl ist eine 27-minütige Bonus-CD (in erstaunlich guter Mono-Qualität) mit 5 energetischen, bisher unveröffentlichten, nicht überlangen Live-Versionen von einem Radiomitschnitt 1967 in Schweden: NSU, Steppin' out, Traintime, Toad und I'm so glad. Sammlerherz, was willst du mehr? Ich wünschte, alle "Classic Albums"-DVDs würden sich an diesem Format orientieren!