Es gibt Künstler, die einen das ganze Leben hindurch begleiten und deren Wirken man mit höchstem Interesse immer wieder verfolgt.
Wer sich die 1980/90 er Jahre intensiv mit dem zeitgenössischen Film
auseinandergesetzt hat, stößt unwillkürlich auf die Arbeiten von David Lynch, welcher mit der TV-Serie 'Twin Peaks' wohl seine absolute mediale Aufmerksamkeit erreichte und das Serien-Fernsehen revolutionierte.
Zudem boten die zahlreichen Kinofilme, wie z.B. 'Lost Highway', immer wieder endlosen Diskussionsstoff für Filmliebhaber, was der Künstler wohl mit dem Werk aussagen wolle.
Herr Lynch ist ein rares, echtes Multitalent, welches auf verschiedensten Gebieten, wie der Malerei, der Photographie, Bildhauerei, Design, Regie und auch in der Musik Zuhause ist.
Und man kann tatsächlich von einem weiten Lynch-Universum sprechen, das aus einzelnen, dunklen Sternensystemen besteht und in dem immer wieder gewaltige Sonnen, also Meisterwerke, auch das coolste Fanplanentenherz zu erwärmen vermögen.
Sein Solodebüt 'Crazy Clown Time' fügt sich mit seinen 14 Songs nahtlos in die Reihe dieser grellen Himmelskörper ein und bietet Lynch pur.
Als verstörenden Electro-Trip-Hop-Massaker-Blues würde ich die Musik betiteln, inklusive eines Gastauftrittes von Yeah Yeah Yeahs-Frontfrau Karen Orzolek, die bereits im ersten Song des Albums 'Pinki's Dream' jauchzt und stöhnt, dass es eine wahre Freude ist.
Gitarrenriffs und elektronische Klanglandschaften vereinen sich zu einer Verbindung, die immer wieder eine ungewisse Unruhe erzeugt und Figuren wie Frank Booth (Blue Velvet) oder den Mystery Man (Lost Highway) scheinbar wieder zum Leben erwecken kann.
Ja, diese Musik ist in etwa so, wie auch viele der Figuren aus den Filmen:
Vordergründig anscheinend völlig normal, doch immer wieder mit der bizarren Fratze des Wahnsinns im Hintergrund, kurz vor dem ultimativen Ausbruch.
Aber genug der Beschreibung des eher Unbeschreibbaren:
Es ist die Liebe zu den einzelnen Worten und deren fast schon hypnotisierende Widerholung, die die Texte erst erfahrbar machen.
Es geht hier nicht um das Interpretieren, sondern um das Spüren, das Fühlen und um den dabei, gleichzeitig ablaufenden, eigenen dunklen Film in der Phantasie des Zuhörers:
'I wanna have a good day today! '
Zugegeben, das ist alles manchmal sehr schwer verdaulich, aber gehaltvolle Festtagsbraten sind nun mal keine leichte Kost!
Bon Appetit!
Solange also ein 65jähriger einen dermaßen kreativen Output produziert, kann man ein Wort wie "Renteneintrittsalter" getrost beiseite schieben und durch ein fettes 'Dankeschön David' ersetzen, für einen erlebnisreichen und spannenden Soundtrack, der völlig ohne vorgegebene Bilder eines Regisseurs funktioniert! Ganz Großes Hörkino!