Wir leben in Gesellschaften, in welchen die Zerstörung des Menschen durch seine eigenen Abhängigkeiten über alles gestellt wird. Regierungen betreiben Versuche, den Menschen vor sich selbst zu schützen, bestenfalls noch halbherzig. [1] Auch wenn man dabei vielleicht zunächst an Drogen und Zigaretten denkt: Nichts dominiert unser individuelles und gesellschaftliches Leben so stark wie der Fetisch Auto [2]; für viele von uns hat es sogar die Urkraft des Lebens, die magischen Anziehung zwischen den Geschlechtern, in ihrer elementaren Bedeutung verdrängt und ersetzt.
Wie alle Fetische wurde auch der des Autos künstlich geschaffen.
So gesehen lag die Idee auf der Hand, in einem Film Erotik und Sexualität direkt mit der Gier nach dem Auto zu konfrontieren und zu verbinden, die Zerstörung des Fetisch gleichermaßen zu zelebrieren wie die Zerstörung des Menschen, den Wahnsinn der Abhängigkeit und der Sucht nach immer extremeren Reizen sowohl mit der Blechkiste als auch in der menschlichen Sexualität zu verstricken.
Catherine (Deborah Kara Unger, 32) und James (James Spader, 36) fliegt das Blech nur weg, wenn sie's auf ihm treiben. Nach einem Unfall gesellt sich Helen (Holly Hunter, 38) dazu. Zunehmend werden auch die Knochen dieses Trio Infernal mittels Medizintechnik mechanisiert, was die Begeisterung nur noch weiter anfacht.
Die Dosierung der Unfallgeilheit erreicht kritische Ausmaße, als sich ein Spezialist für Unfall-Installationen dazu gesellt. Der erregende Reiz von Crashblech und Quetschleichen wird sogar wichtiger als der Überlebensinstinkt, Catherine und James sehnen sich nach einem Ende mit Schrecken.
Selbst einem für skurrile Provokation bekannten Künstler vom Format eines Cronenberg kann es eigentlich nicht gelingen, die verrückte Wirklichkeit noch zu überzeichnen. Wer noch ein Minimum an Distanz zu seiner eigenen Autosucht erhalten konnte, wird das bestätigen.
Künstler, die derart provozierende Auseinandersetzungen in einem Film transportieren möchten, müssen bestens unterhalten und dürfen sich nicht scheuen, Tabus iher Ära zu ignorieren. Nur so haben ähnlich provokative Vorbilder wie "Das große Fressen" ihr Publikum erreicht.
Nun, es steht wohl völlig außer Frage, dass dies gelungen ist. Kein Erotik- oder Sexfilm ist auch nur annähernd so scharf, kein "Actionthriller" so aufregend, keine Zerstörungsorgie so wild und gleichermaßen erbärmlich wie "Crash".
Niemand wird diese Bilder vergessen. Niemand hat eine Chance, "cool" durch diesen Film zu kommen.
Aber wird es auch gelingen, die Denk-Barriere von uns Autosüchtigen zu durchbrechen? Dafür müsste, steht zu befürchten, wohl noch härterer Toback kommen.
film-jury 5* A0963 17.5.2012eg Genre: Drama | Horror
[1] Es sei denn, man kann damit zusätzliche Steuern oder Gebühren begründen.
[2] natürlich gelten diese Betrachtungen sowohl in der Realität als auch im Film für jede Art motorisierten Verkehrs.
[3] tatsächlich werden in Deutschland inzwischen mehr als ein Drittel der Einkünfte eines Durchschnittshaushalts für Autos o.ä. aufgewendet.