Von allen ihren Alben fand Joni Mitchells 1973 veröffentlichtes, sechstes Werk "Court And Spark" die meiste Verbreitung. Ursprünglich im Folk beheimatet, öffnet sie ihren musikalischen Horizont hier sehr gelöst in Richtung Jazz. Die Siebzigerjahre gelten nach wie vor als das Goldene Zeitalter des Songwriting und so war es für eine junge, ambitionierte Künstlerin nicht ganz einfach, sich in dieser Phase von anderen Interpretinnen und Interpreten abzuheben. Mit "Court And Spark" indes hat Joni Mitchell einerseits einen leichten Stilwechsel vollzogen, gleichwohl ihre ganz unverkennbare Handschrift beibehalten.
Niemand hat eine solch melodische Empfindung wie Joni Mitchell, deren unverwechselbarer Gesang auch mit einer eher spärlichen Instrumentierung auskommt. Mehr noch, ihren Gesang vergleichen zu wollen, wäre Unfug. Es ließe sich eher von gesungener Schriftstellerei sprechen - heißt, dass es hier nicht um Stimmumfang, Intonationssicherheit oder Technik geht. Ihre Stimme hat Kraft, das ist es. Sie trägt die Texte, baut ihnen eine Brücke zum Hörer. Joni Mitchell und ihre Mit-Musiker (unter ihnen Graham Nash und David Crosby) überzeugen mit einzigartiger Präsenz und großem Einfühlungsvermögen.
Dieses Album lebt von der Seelenlage einer geistig auffallend unabhängigen Optimistin, die sich selbst und ihre Zeit sehr bewusst und sensibel wahrnimmt, während sie ihren Weg sucht. Idealistisch nach Freiheit strebend, zugleich sehr reflektiert angesichts der eigenen Möglichkeiten, zeigt sich uns eine sehr reife Frau in ihren frühen Dreißigern. Ihre komplexen, mitunter humorvoll-zynischen, stets genüsslich sophistischen Texte lassen sehr viel Raum für eigene Interpretationen und Assoziationen, ihre klare Stimme führt den Hörer recht mühelos durch die beziehungsreichen Stücke.
Alles in allem ist "Court And Spark" ein sehr entspanntes Album, bei dem sich Text und Musik im wahrsten Sinne des Wortes "komplementär" verhalten, zeitlos, ohne überflüssige Finessen und mit viel Liebe und Sorgfalt ausgebreitet. Auch das von Joni Mitchell selbst gestaltete Cover hat mich von jeher sehr angesprochen. Für diese Wiederveröffentlichung kann man durchaus dankbar sein.