Gemessen an der Bedeutung von Francois Couperin "Le Grand" ist es verwunderlich, dass es vergleichweise wenige Gesamtaufnahmen gibt: Kenneth Gilbert (Harmonia Mundi France), Blandine Verlet (Astrée), Christophe Rousset (Harmonia Mundi France), Olivier Baumont (Erato), Laurence Cummings (Naxos); Michael Borgstedes ist erst die sechste (sofern mir keine entgangen ist).
Als erstes fällt Borgstedes durchweg eher rasche Tempowahl auf - in den letzten Jahren haben eine Reihe Musiker aus der historischen Aufführunsgpraxis gründlich mit der verzopften majestätischen Haltung in der Barockmusic aufgeräumt. Flötist Jed Wentz (an dessen Gesamtaufnahme der Kammermusik Couperins mit dem Ensemble Musica ad Rhenum Borgstede ebenfalls beteiligt war) hat dies besonders betont, aber die Ergebnisse sind eigentlich immer überzeugend. Man lasse sich auf das Temperament, den Ésprit ein, mit dem der große Meister am Hof Ludwigs IV. hier präsentiert wird. Durch diese eher die virtuose Seite betonende Spielweise wird die Nähe zu den letzten Maitres de Clavecin in Frankreich - Armand-Louis Couperin, Jacques Duphly und Claude-Benigne Balbastre, die fast immer so gespielt werden - viel deutlicher. Je länger man Borgstede zuhört, um so eher denkt man, warum soll nicht auch Couperin Le Grand solch ein temperantvoller Virtuose gewesen sein? Er wurde bisher nur eher selten so gespielt. Ich möchte die anderen Aufnahmen nicht missen, und gegen die fantastische Auswahl-CD von Skip Sempé, die für mich die beste Einzelaufnahme ist, hat Borgstede es schwer - melancholische Poesie ist nicht seine Stärke - aber eine faszinierende, überzeugende Neuaufnahme ist dies auf jeden Fall.