Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin ein großer Coen-Fan und habe selten an ihren Filmen etwas auszusetzen. Gleichzeitig finde ich, dass dieser Film - obwohl eines ihrer größten Meisterwerke neben "The Big Lebowski" und "Barton Fink" - völlig untypisch für die beiden ist, da der für sie so besondere Witz nur sehr selten, allenfalls in der Figur des etwas naiven Hilfssheriffs Wendell und in einigen Szenen mit dem Auftragsmörder Wells, aufflackert.
Mit "No Country for Old Men" verfilmten die Coens den Roman Cormac McCarthys, in dem es um Llewelyn Moss, einen Vietnam-Veteranen geht, der glaubt, er habe das große Los gezogen, als ihm zufällig 2 Millionen Dollar eines fehlgeschlagenen Drogendeals in die Hände fallen - ein Fehlschluss, denn von nun an wird er von Anton Chigurh, einem irren Killer, verfolgt. Recht eigentlich erzählt McCarthy aber die Geschichte von Sheriff Bell, einem in die Jahre gekommenen Sheriff, der mehr und mehr den Glauben an seine Möglichkeiten, in seiner Position für Gerechtigkeit zu sorgen und den Menschen, die ihn gewählt und ihm ihr Vertrauen geschenkt haben, zu helfen, verloren hat.
Tommy Lee Jones spielt die Rolle Bells ausgezeichnet, nicht zuletzt, weil er in diesem Film wirklich herzergreifend alt, zerbrechlich und verbraucht aussieht und so auf erschreckend eindringliche Weise den Worten des Gedichts "Sailing to Byzantium" von William Butler Yeats, nach dem der Film benannt worden ist, trauriges Leben einhaucht: "An aged man is but a paltry thing / A tattered coat upon a stick". Tommy Lee Jones' Bell ist ein müder, alter Mann, der es verlernt hat, mit seiner Zeit Schritt zu halten, was im Film dadurch symbolisiert wird, dass der Killer Chigurh ihm immer - bis auf eine einzige Situation, in der dies Bell nicht einmal bemerkt -, um mehr als eine Nasenlänge voraus ist.
Die Handlung wird gegenüber dem Roman im Film jedoch verlagert auf Llewelyn Moss, gespielt von Josh Brolin, der sich stets der Verfolgung durch Chigurh (Javier Bardem) erwehren muss, so dass ein großer Teil des Films aus Action besteht. Wer sich hier allerdings die ästhetisierten Gewaltorgien eines Quentin Tarantino oder den Kitsch eines Robert Rodriguez erhofft, der ist in diesem Film falsch, denn neben den blutigen Schießereien, die ohne jede Übertreibung auskommen, und den Morden, die der Zuschauer oft nur erahnen kann, dominieren Passagen, in denen sich Moss auf das Kommen seines dämonischen Widersachers vorbereitet. Alles in allem wirkt der Film auf diese Weise seltsam gemächlich und bleibt ergreifend realistisch und minimalistisch.
Bei all ihrem Respekt gegenüber der Vorlage erlauben sich die Coens jedoch einige Abmilderungen und Abweichungen, vor allem im Hinblick auf die beiden Jungen, die Chigurh bei seiner Flucht vor der Polizei unterstützen. Auch bleibt es im Film offen, ob der Killer seine Drohung, die Frau Llewelyns zu ermorden, weil er es ihrem Mann versprochen habe, am Ende wahrgemacht hat.
Zu Chigurh ist zu sagen, dass er in der Geschichte die Rolle des Schicksals, ehern und doch leidenschaftslos in seiner Konsequenz, verkörpern soll. Ich bewundere Bardem für seine wahrhaft unvergessliche Darstellung Chigurhs, glaube aber dennoch, dass es besser zu der Rolle gepasst hätte, wenn der Killer von seinem Äußeren her unauffälliger, schlichter gewirkt hätte, so wie es in dem Roman angedeutet wird, denn Chigurh ist im eigentlichen Sinne keine individuelle Person.
Sieht man sich den Film ohne Kenntnis der Romanvorlage an, dann gibt es an ihm eigentlich nichts auszusetzen - das stille und nachdenklich stimmende Ende ist wahrlich von atemberaubender Intensität -, doch kennt man den Roman, hätte man sich gewünscht, die Rolle des Sheriffs wäre noch mehr ausgelotet worden.