1967 geschrieben, ist Counter-Clock-World eine Überraschung für mich. Das Buch ist im Grunde ein Zeitreiseroman der seltsamesten Form, in dem Sinne, daß die Zeit hier komplett rückwärts läuft. Die Welt befindet sich in der – nicht wirklich näher erläuterten – «Hobart’s Phase», in der anscheinend das Universum als Ganzes wieder kontrahiert und (abstruserweise) die Menschen zwar vorwärts agieren, aber rückwärts leben. Das heißt, sie sprechen ganz normal und scheinen immer noch nach normalen Cause-Effect-Regeln zu leben, aber sie erwachen in ihren Gräbern. werden jünger, sind Kinder, kriechen irgendwann in die Leiber von in Krankenhäusern wartend liegenden Frauen hinein, die dann neun Monate später kompulsiv Sex haben müssen. Essen wird mit sogenannten Sogum-Rohren eingeführt (Dick geht nicht näher darauf ein, aber es scheint eine Art warmer Stuhlgang zu sein, der als Einlauf eingeführt wird), bis etwas später komplette Mahlzeiten auf die Teller erbrochen werden. Wobei der Einlauf soziales Event ist – wie bei uns das Essen – und das Hochwürgen und «Entkauen» der Speisen den Menschen intimst peinlich wird, ähnlich wie uns der Gang zum Klo. Ähnlich absurd die Begrüßung mit «Goodbye», das Einatmen von Rauch, der dann in die Zigaretten gepustet wird (wodurch sich die Luft im Raum klärt), oder die Bibliothek, deren Aufgabe es ist, das Wissen der Welt nach und nach wieder zu vernichten, vom publizierten Buch bis zum ersten Manuskript. Nichts von alledem macht auch nur im Entferntesten Sinn, aber Dick schafft es (mit der bei ihm üblichen Nonchalance), lässig mit der surrealen Komik seiner Counter-Clock-World zu spielen und dabei ein betäubendes Detail auf das andere zu türmen. Mit höchster Kunstfertigkeit balanciert er den Leser hier zwischen unterdrücktem Gelächter und Ehrfurcht vor der Kunst, in diesem Kontext überhaupt noch eine Art von Geschichte erzählen zu können, die trotzdem glaubhaft klingt und nicht von der etwas albernen Grundidee erschlagen wird.
Denn eingebettet in diese Welt ist die Geschichte des Thomas «Anarch» Peak, einer Art Heiligen Mannes, der – wie so viele – von den Toten aufersteht. Als Begründer einer inzwischen mächtigen Religion hat sowohl der aktuelle spirituelle Führer der «Udi» ein Interesse an Peak (wahrscheinlich, um ihn umzubringen), als auch die römische Glaubensgruppe (wahrscheinlich um ihn umzubringen) als auch die Blibliothekare, die ihrer wahren Tätigkeit entsprechend heute «Erads» genannt werden (von «to eradicate») und die – erraten - Anarch Peak wahrscheinlich umbringen wollen. Zwischen all diesen Fronten findet sich Sebastian Hermes mit seinem kleinen Beerdigungsunternehmen («Vitarium»), dessen Beruf es ist, den Frischwiederauferstandenen aus dem Grab zu helfen, sie wiederzubeleben und zu verarzten (denn sie sind frisch auferstanden so todkrank wie kurz vor dem Ableben) und sie dann an die Verwandten oder andere willige Abnehmer zu verkaufen. Einerseits sitzt Hermes hier also auf einem Schatz, da sich die Interessenten gegenseitig überbieten, andererseits gerät er in das wirrste und tödlichste Abenteuer seines Lebens. Und inmitten von alldem eine Liebesgeschichte, ungezählte Tote und ein Heiliger, der das Angesicht Gottes gesehen hat und sich nach der Wiedergeburt daran erinnert.
Dick webt in Counter-Clock-World Themen ein, die den überzeugten Gnostiker in späteren Werken viel tiefer beschäftigten. Für diese mittlere Phase seines Schaffens ist Counter-Clock-World bereits überraschend spirituell, religiös und tiefgehend, vielleicht sogar deutlicher noch als das nur ein Jahr später erschienene Do Androids, wo der Mercerismus ja das Motiv der Emergenz neuer seltsame Religionen weiterführt. Man merkt hier, wie Dick bestimmte Ideen in mehrere Bücher einbaut, immer wieder dazu zurückkehrt, sie weiterentwickelt, etwa so, wie man mit der Zunge an einem kranken Zahn spielt. Counter-Clock ist glasklar nicht von der schneidenden Brillianz von Do Androids Dream of Electric Sheep?, aber dennoch kein Trashbuch ohne Tiefgang, ganz im Gegenteil. Die seltsame Mischung der nahezu hirnschmelzend albernen Rückwärtszeit und die melancholische Auseinandersetzung mit den spirituellen Bedeutungen eines derart umgepolten Lebens (insbesondere für all jene, die sich an ein Vorwärts-Leben erinnern) funktioniert blendend. Im dritten Akt verfällt Dick dann doch in eher gewöhnliche Actionroman-Pattern, die aber dem Gefühl, daß Counter-Clock unter den schlechteren Büchern Dicks durchaus eines des besseren ist, keinen Abbruch tun. Die komplexen, widersprüchlichen Figuren und ihre abrupten, oft unlogischen Handlungen, die undurchdringliche Emotionalität menschlichen Handelns, die fast unerklärt, wie selbstverständlich gegebene Folie einer für uns völlig unglaublichen und alle Logik sprengenden Welt, die Dick als unhinterfragbar, absolut gegeben und auch längst hingenommen portraitiert… all das erhebt Counter-Clock-World auf die Ebene eines kafkaesken, tiefen, schillernden Alptraums, der zugleich irgendwie albernkichernd, unwirklich und doch bedrückend real und signifikant scheint. Eine Traumwelt mit ihren eigenen Regeln, zwingend und unhinterfragbar und doch befremdlich wie eine Landschaft von Dali. Das Dick es schafft, in uns Empathie für die Menschen dieser völlig unvertrauten und irritierenden Welt zuz erwecken und daß er ihre nie wirklich erklärte, stets nur skizzierte Welt völlig dreidimensional-real erblühen läßt, spricht für die imponierende visionäre Kraft PKDs, die selbst seine B-Werke noch durchdringt.