Kein bodenständiger, anständiger Guarnaccia nimmt uns beim Lesen dieses Romans zuverlässig an die Hand. Durch die Straßen der wundervollen Stadt am Arno dürfen wir dieses Mal auch nicht gehen. Wir sind auf uns gestellt und werden in die düstere Familiengeschichte von Cosimo und seinen Eltern verstrickt. Schauplatz ist die Patrizierwohnung einer reichen florentinischen Familie und deren Landgut in der Umgebung von Florenz. Nichts ist in dieser Familie in Ordnung. Nacheinander setzen wir aus Gedanken, Worten und Handlungen von Kind, Mutter und Vater das Bild einer traurigen, nicht funktionierenden Familie zusammen, der es in der Außenansicht an nichts fehlt: Geld, Ansehen und Schönheit ist im Überfluss vorhanden.
Zuerst lernen wir den fünfjährigen Cosimo kennen; einen einsamen, unbehüteten kleinen Kerl, der sich in einer großen, von Schatten bevölkerten Wohnung fast zu Tode fürchtet, bevor er ihn tatsächlich auf grausame Weise erleiden muss. Magdalen Nabb gelingt es sehr gut, sich in die Gedankenwelt eines kleinen Kindes und dessen verzweifelte Überlebensstrategien hineinzuversetzen. Es ist leicht, dieses Kind gern zu haben und schwer, ihm nicht helfen zu können.
Anschließend lernen wir in Fragmenten die Eltern des Kindes kennen. Die junge, schöne Mutter hatte einst Prinzessinnen-Ambitionen, die in der so sehr gewollten Ehe, die sich von Anfang an als Fassade herausstellt, schnell erfrieren. Depressiv und stets in einem Tablettennebel gefangen, versagt sie als Mutter völlig. Aber ist sie auch die Mörderin ihres Sohnes?
Der bewunderte Vater ist nicht der, der er vorgibt zu sein. Der smarte Florentiner, lange Jahre ein begehrter Junggeselle, verbirgt etliche Abgründe hinter einem vordergründig sehr privilegierten, anständigen Leben. Zur Ehe ist er nicht fähig, und durch ständige tatsächliche oder emotionale Abwesenheit versagt er auch als Vater.
Eine bigotte Großmutter schließt den Kreis. Als junge, lebenslustige Frau verlor sie ihren Sohn Cosimo, den Bruder von Cosimos Vater. Sie sieht in ihrem einzigen Enkel in erster Linie das, für was er steht und nicht was er ist.
Was genau ist geschehen und warum? Magdalen Nabb überlässt die Geschichte des Verbrechens weitgehend unserer Phantasie. Die eindringliche Erzählweise des Romans ist ungewöhnlich und fordert viel Aufmerksamkeit. Leichter Lesegenuss ist etwas anderes. Hier wird nichts erzählt; der Leser muss sich auf das Buch einlassen.
Irritierend ist das merkwürdig flache und völlig unrealistische "Happyend" des Buches nach dem Motto "Das Leben geht weiter und alles wird gut."
Helga Kurz