Auf der letzten Seite angekommen, stellte ich mir erneut die Frage, ob die Wagner-Dynastie eine Ausnahmeerscheinung ist oder den Normalfall abbildet. Ich kam zur, für mich zumindest erstaunlichen Meinung, dass Oliver Hilmes beschreibt, was in sozialen Gemeinschaften eben so passiert. Nur wirkt die Komprimierung in einem überschaubaren Soziotop wie dem eines Familienclans anders, als wenn ich vom Olymp auf das Geschehen der Gattung Mensch blicke. Aber gerade weil die Wagners ein Ausnahmeobjekt sind, eignen sie sich zur Darstellung menschlicher Verhaltensmuster. Denn wie der Stammbaum auf den Innenseiten des Buchdeckels zeigt, findet sich in dieser Dynastie so ziemlich alles, was in Kategorien eingeteilt werden kann.
Oliver Hilmes hat die äußerst schwierige Aufgabe, ein ideologisch so befrachtetes Familienimperium möglicht moralinfrei zu beschreiben, hervorragend gemeistert. Eher braun gefärbte Leser hätten sich einige Gewichtungen anders gewünscht als rot angehauchte. Und umgekehrt. Aber mir ist es lieber, wenn sich ein Autor bei einem so heiklen Thema persönlich eher zurückhält und die Interpretation der Fakten seinen Lesern überlässt. Wer jemals so viele Quellen verarbeiteten und auf einem ideologischen Minenfeld in eine Form bringen musste, kann die Leistung von Oliver Hilmes nur bewundern.
Bewundert habe ich auch, dass der Autor keine psychologischen Ferndiagnosen stellt, obwohl er außer Geschichte und Politik auch Psychologe studierte. Selbstverständlich fließt sein beruflicher Hintergrund ein, wenn er die Verhaltensmuster seiner Protagonisten beschreibt. Und auch Oliver Hilmes gibt dem Leser seine Vermutungen preis, wenn er über seltsame, verletzende und im Nachhinein völlig unverständliche Aktionen von Cosima Wagner, Stewart Chamberlain oder anderer Familienmitglieder spricht. Aber immer lässt er genau so viel Offenheit an den Rändern seiner Ausführungen, dass der Leser auch mit seinen eigenen Ansichten andocken kann.
Nachdem mich die spannende Story und die eleganten Formulierungen bis ans Ende des Buches getragen hatten, sah ich nicht nur die Wagner-Dynastie vor mir, sondern auch Clans und Grossunternehmen der Gegenwart. Und das löste eine Art Heiterkeit aus, die an Beschreibungen Homers erinnern, wenn er das Gelächter griechischer Götter besingt, die beim Tafeln vom täglichen Treiben auf der Erde berichten. Wer in einem Stück mitmachen will, das seit Urzeiten nach den gleichen Regeln inszeniert wird und ein festes Ensemble vorsieht, muss sich diesen Regeln wohl oder übel unterwerfen. Oder die Bühne verlassen, wie es ja auch im Stück "Cosimas Kinder" vorkommt.
Mein Fazit: Ob Oliver Hilmes jede Quelle richtig gewichtete, einordnete und interpretierte, kann ich ebenso wenig beurteilen wie andere Leser. Aber der Autor lädt uns ja auch nicht zu einer Gerichtsverhandlung ein, sondern will uns einfach an einem Stück teilhaben lassen, in dem wir unsere eigene Rolle selber aussuchen dürfen. Ein starkes Buch, das ich gerne weiterempfehle.