In diesem dritten Teil der "Christus-Trilogie" stellt Patrick Roth das große Problem des "ungläubigen Thomas" dar, nämlich an die Ewigkeit des Lebens über das Verenden des Körpers hinaus zu glauben.
Dieser Thomas (Sinnbild für den verlorenen Sohn und also für den heilsbedürftigen Menschen) wird hier namentlich als "Judas Thomas" und zudem als "Didymos" vorgestellt, was auf eine doppelte Zwillingsverbundenheit verweist, nämlich erstens auf die mit dem Namenszwilling, dem "Judas aus Kerioth" (so deutet Roth den Namen 'Judas Iskarioth') und zweitens auf die mit einem leiblichen Zwilling, der vermeintlich bei der Geburt starb, jedoch von Jemanden gefunden und aufgezogen wurde, der ihn Boas nannte. Thomas ist nach der Kreuzigung Jesu auf der Suche nach dessen Leichnam, dem vermeintlichen Corpus Christi, wie ja auch heute noch zumeist geglaubt wird, obwohl der Christus kein Körper und unsterblich ist. Der Leichnam Jesu, den sie eigentlich meinen und den Thomas sucht, wurde von Unbekannten aus dem Grabe entführt und versteckt. Weil Thomas aber seinen als Herrn erachteten "Meister" um Vergebung seiner Mutlosigkeit zu bitten begehrt, sich denen in den Weg zu stellen, die ihn kreuzigten, sucht er den Leichnam, um vor diesem also bittend niederzuknien. Er sieht sich als Verräter, weil er während der Frage, wer Jesus verraten werde ("Wer die Hand mit mir in die Schale taucht") beinahe gleichzeitig seine mit ihm eingetaucht hätte, wenn ihm nicht jener andere Judas zuvorgekommen wäre. Zugleich lastet auf Thomas der Glaube, er sei des Sterbens seines Zwillingsbruders schuldig, weil er während der Geburt ihn mit der Nabelschnur erdrosselt habe.
Dies ist also die Schuld, an die Thomas glaubt: Einen Körper getötet zu haben (seinen Bruder) oder der Tötung eines Körpers (nämlich Jesu) nicht abgeholfen zu haben.
Nach vielen Worten, Geschehnissen, Träumen und zerstückelten Gesprächen kämpft sich Thomas durch eine aufgebrachte Menschenmenge durch, die um einen von den Römern errichteten Scheiterhaufen versammelt ist, auf dem angeblich der gefundene Leichnam Jesu verbrannt werden solle. Der Haufen ist schon entzündet, die Flammen schlagen um sich, als Thomas den Holzberg mühsam erklettert und obenauf dem Leichnam das Tuch vom Antlitze nimmt. Er sieht: sich! Oder das Antlitz seines Zwillingsbruders. Oder ist der Christus ein Synonym für des Menschen Zwillingsbruder? "Im Körper Gottes sahen wir uns. Einander ohne Schuld. Und ich berührte seine Seite und küsste ihn, den ich gefunden. Der mir zuvorgekommen war und entgegen. Hier war mein Anfang: Denn der Dir nachzusterben suchte, war gestorben. Geboren war ich. Frei." (S.179).
Roths Anliegen ist die Auferstehung. Schön! Diese versucht er, im (Wieder)Erkennen des Nächsten darzustellen. Gut! Und so sind alle drei Novellen der Christus-Trilogie von verdeckten Bekanntschaften aus früherer Zeit durchzogen, die in nachmaliger Erinnerung offenbar werden und einen spirituellen Knoten lösen. Aber reicht dies zur Veranschaulichung des Erkennens der körperlosen Einsheit des Menschen aus? Diese erschriebenen Erinnerungen bleiben ja alle nur partiell, weil nur je auf einen bestimmten Einzelmenschen bezogen. Die Auferstehung des Menschen aus dem Grabe seiner körperglaubensgebundenen Vereinzelung wird nicht ohne die Erkenntnis seines Nächsten und dessen heiliger Unschuld geschehen, aber die Rothsche Darstellung wirkt mir übermäßig konstruiert und nicht genügend liebevoll fließend. Und die Manie des Thomas, den Leichnam Jesu zu suchen, um diesen um Vergebung zu bitten, finde ich stark überzogen und der Sache nicht dienlich, weil sie letztlich immer noch dem Körperglauben huldigt.