Das Gefühl zu haben, die Welt dauernd neu erfinden und gestalten zu müssen, möchte ich jungen Grafikern auf keinen Fall nehmen. Im Gegenteil, dieses Gefühl braucht es, um ausgetretene Pfade zu verlassen, Experimente zu wagen und durch gelegentliches Scheitern die eigene Entwicklung voranzutreiben. Trotzdem ermuntere ich junge Grafiker gerne dazu, sich Vorbilder auszusuchen und auch den gestalterischen Weg von Unternehmen zu studieren, die Beispielcharakter haben. Und wenn ich bei Referaten über neurowissenschaftliche Erkenntnisse der Bildsprache die Gelegenheit habe, Studierende auf geeignetes Material hinzuweisen, gehört die J.R. Geigy AG oft dazu. Auch weil dieses Unternehmen 1979 mit CIBA zu CIBA-Geigy fusionierte und 1996 mit Sandoz zusammen in Novartis aufging, also letztlich von der Bildfläche aus der Erinnerung verschwand.
Das Buch entstand im Rahmen eines Forschungsprojekts, das der Schweizerische Nationalfond förderte und das schließlich zu einer Ausstellung im Museum für Gestaltung Zürich führte. Ich erwähne das, weil eine so akribische Aufarbeitung weit verstreuten Materials nur möglich ist, wenn sie finanziell großzügig unterstützt wird. Und da dies nicht allzu oft der Fall ist, sind Publikationen wie diese eher selten. Darauf wird auch im ultrakurzen Vorwort hingewiesen.
Im Zentrum dieses Katalogs zur Ausstellung stehen natürlich die vielen Abbildungen der graphischen Arbeiten. Aber auch die Lektüre der Texte verschiedener Autoren lohnt sich. Sie handeln von der Gestaltung durch Formgebung, der Grafik und Werbung aus Basel, der Werbepolitik und -praxis, der zielgruppenorientierten Unternehmenskommunikation, der Geigy-Grafik in den USA und Großbritannien sowie den Einflüssen der Schweizer Grafik aus amerikanischer Sicht. Ab Seite 98 werden dann unter den Überschriften Werbekampagnen - Serien - Diversität - Verpackungen - Prestige unzählige gestalterische Lösungen gestellter Aufgaben gezeigt. Und weil der Zeitraum einige Jahrzehnte umfasst, ist diese Publikation auch eine Geschichte der Pharmazie, Unternehmenskommunikation und Werbung. Das sieht man allein schon daran, dass die international tätige J.R.Geigy AG die für grafische Aufgaben verantwortliche Stelle "Propagandaabteilung" nannte.
Mein Fazit: Für Designer und Grafiker ist diese Publikation ein Glücksfall. Denn macht Entwicklungen verständlich, zeigt überzeitliche und überregionale Lösungen auf, gibt einen Einblick in die Arbeit einer "Propagandaabteilung", wartet mit einer Fülle von Bildmaterial auf und enthält erhellende Texte zu den verschiedensten Themen. So überzeugend ich die Auswahl und Darbietung der Beispiele fand, so sehr befremdete mich das Layout der Texte. Es wirkt unnötig antiquiert und fördert die Lesbarkeit eher wenig.