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4.0 von 5 Sternen
Unglückliche nordirische protestantische Kindheit, 26. Juni 2000
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Corner Boys (Taschenbuch)
In seinem berühmten und jetzt verfilmten Buch „Die Asche meiner Mutter" schreibt der irisch-amerikanische Schriftsteller Frank McCourt, schlimmer als die normale unglückliche Kindheit sei die unglückliche irische Kindheit. Und noch schlimmer sei die unglückliche, irische, katholische Kindheit. Dass es auch eine unglückliche, nordirische, protestantische Kindheit gibt, erfahren wir jetzt aus dem Buch „Corner Boys", dem ersten Roman des Belfaster Psychologie-Professors Geoffrey Beattie.
James Roberts, der Ich-Erzähler der Geschichte, ist 17 Jahre alt. Er lebt in Nordbelfast, in einem armen Arbeiterviertel, in dem alle Protestanten sind. Hier ist die Hochburg der extremen Loyalisten, jener, die in Treue fest zur englischen Krone stehen, für die die Katholiken mit ihrem Papst die Ausgeburt der Hölle darstellen. Für diese Anhänger der paramilitärischen Verbände ist selbst Ian Paisley, einer der bekanntesten Wortführer der nordirischen Protestanten ein „Weichei". In völliger Verkehrung der tatsächlichen Situation gilt in diesem Milieu die nordirische Polizei als Schutztruppe der Katholiken. Hier wächst James auf, sein Vater ist gestorben, als er zwölf war, seine Mutter ist Arbeiterin in einer Garnfabrik. Er hat die höhere Schule geschmissen und hängt jetzt mit seinen ebenfalls arbeitslosen Kumpels an der Ecke herum, „Corner Boys" eben. Einer seiner besten Freunde ist Tucker, ein kräftiger Bursche, der auch schon Kontakte zur „Organisation" hat. Die „Organisation" steht für die Ulster Defence Association, eine radikale protestantische Untergrundgruppe, die auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Eines Tages beobachtet James, wie Tucker dem Freund seines Vaters dabei hilft, Schutzgelder einzusammeln. Immer stärker wird James in das Netz der Organisation hineingezogen. Genau schildert Beattie die Ausweglosigkeit der Jugendlichen sowie die Dumpfheit der Erwachsenen. In einem jugendlichen Slang, der sogar noch in der deutschen Übersetzung von hörbar ist, gibt James seine Beobachtungen der Menschen und ihrer Verhaltensweisen wieder. Dies schafft eine wohltuende ironische Distanz zu dem Erzählten. Dramatisch wird es am Schluss des Romans. James verliebt sich in Shannon, eine Katholikin! Er schleicht sich nachts zu ihr ins katholische Viertel, eine gefährliche Angelegenheit. Tucker, sein Kumpel, hat den Auftrag von der Organisation bekommen, einen der ihren zu „disziplinieren", weil der ein Auto geklaut hat. James ist dabei und sieht, wie Tucker auf die Knie des Jungen schießt, zum Glück sind es nur Platzpatronen. Als dann noch Shannon ein übles Spiel mit ihm treibt und durch seine Schuld zwei Menschen sterben, hat James die Nase voll. Er beendet die Schule und verlässt Belfast, um nach England zu gehen. Die Schuld, die er auf sich geladen hat, wird ihn ein Leben lang begleiten. Beattie beschreibt - zugegeben - nur einen kleinen Ausschnitt des Konfliktes in Nordirland. Doch vielleicht ist sein Buch ein guter Einstieg, um sich detaillierter mit den komplexen historischen, politischen und ökonomischen Hintergründen der „troubles" in Nordirland zu beschäftigen.
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4.0 von 5 Sternen
Obwohl Belfast im grau erstickt, ist das Leben mehr als S/W, 18. Oktober 2002
Rezension bezieht sich auf: Corner Boys (Taschenbuch)
Einmal angefangen, kann man es schwer weglegen. Man atmet mit dem Protagonisten, der raus aus seiner Haut, aber lieber doch wieder zur Ecke, wo die Jungs warten, will. Der exemplarischen Liebe zum Mädchen im "gegnerischen" Stadtteil stellt der Autor das eingezwängte Leben der Bewohner seines Viertel gegenüber. Einen besseren Kontrast im grau in grau hätte er nicht wählen können. Lichtblicke im Leben ersticken im traditionellen Trott. Psychisch sind alle Kämpfer für die Sache, ob sie nun morden oder einfach nur den Mund halten. Angst und Repression kriechen in jede Ecke. Geheimgehaltene Freiräume laufen Gefahr sich in Widersprüchen zu verheddern. Er zeichnet für mich ein eindrucksvolles, bilderreiches Portrait dieses Jungen und seiner Welt, die ihn hemmt, in jeglicher Hinsicht. Dass er den Ausbruch mit einem Mord bezahlt, macht das Dilemma nur um so deutlicher. Wir konnten ja erst die Tage lesen, wie der Konflikt sich wieder verschärft. Ein Muss für alle, die mal von innen heraus verstehen wollen, wie mit Tradition umgegangen und warum mitten in Europa ein Religionskrieg nie beendet wird.
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