Es ist selten, dass ein atmosphärisch so dichter Roman mit lediglich rund 150 Seiten auskommt (englischsprachige Ausgabe) und auch ohne zähen Einstieg oder breit angelegte Monologe ein facettenreiches Szenario entwirft, das den Rahmen um eine Science-Fiction-Story spannt, die die ganz großen Themen anpackt. Schon allein dafür ist dem Autor Ray Bradbury Respekt zu zollen - "Fahrenheit 451" hätte keine Seite länger sein müssen.
Nun werden insbesondere Science-Fiction-Bücher gerne an ihrem "Realismus" oder ihrer "Glaubwürdigkeit" gemessen. Natürlich kann man auch Bradbury vorwerfen, nicht jeder Aspekt seiner beklemmenden, tiefschwarzen Dystopie sei logisch nachzuvollziehen oder werde hinreichend vom Verfasser erläutert.
Doch genau darin liegt auch der Reiz dieses kleinen, aber sehr nachdenklich stimmenden Buches: Es ist die Aufgabe des Lesers selbst, etwaige Bezüge zur Gegenwart herzustellen und die in "Fahrenheit 451" auf die Spitze getriebenen Elemente leise angedeutet in der aktuellen Gesellschaft wiederzufinden.
Ray Bradbury nimmt 1953 vorweg, was sich 2009 bereits etabliert hat und in Zukunft weiter verschärfen könnte: die Abhängigkeit von den neuen Medien, die Bequemlichkeit des schnellen und gut konsumierbaren Bildes im Vergleich zu dem geschriebenen Wort, die Unlust und Passivität in Bezug auf gesellschaftliche und politische Themenkomplexe. Nein, man muss diese "Bedrohung" für nicht so virulent und existenziell halten wie Bradbury, es gibt keine zwingende Argumente dafür, dass die Menschen das Interesse am Lesen verlieren werden und dass TV und Internet ihre Konsumenten entmündigen und dadurch den Untergang des aufgeklärten Menschen herbeiführen werden.
Aber Bradbury muss sein Horror-Szenario derart drastisch und radikal und kontrastreich schildern, um den gewünschten Wachrüttel-Effekt zu erreichen, der eine nachdenkliche Auseinandersetzung mit den neuen Medien anstößt: Ist das Internet, welches globale Erreichbarkeit und anonyme Kommunikation ermöglicht, nicht auch Teil eines Verlusts von persönlicher, realer Nähe zwischen Menschen, animiert es nicht auch zu einer gewissen sozialen Isolation? Glaubt man Bradbury, ja.
So lässt es zumindest die erschreckende, irreparabel kaputte Beziehung zwischen Hauptprotagonist Montag und seiner Frau Mildred vermuten: Keine Zärtlichkeiten, keine Berührungen, kein Sex, keine offene Kommunikation miteinander. Stattdessen ein apathisches, Wachkoma-ähnliches Dahinvegetieren - von drei TV-Wänden ruhig gestellt. Montag liebt seine Frau nicht, er kann sich zeitweilig noch nicht einmal mehr an den Ort erinnern, an dem er sie kennen gelernt hat. Trotz der poetischen Sprache und den dynamischen Beschreibungen ist Bradburys effektivstes Stilmittel die Schockstarre.
Was bleibt, ist ein intensiver, dunkler, nachdenklicher Roman mit zwei Leitmotiven: Die Nacht und das Feuer. Beängstigend gut komponiert und voller Lebensklugheit. Falls Bradburys Dystopie irgendwann Wirklichkeit werden sollte, muss man sich Sorgen machen. Solange Bücher wie "Fahreinheit 451" noch erscheinen und begeistert gelesen werden, nicht.