Ein Buch über Cornelia Goeteh ist auch immer ein Buch über den Dichtr selbst. So auch Sigrid Damms "Biographie". Hier jedoch stockt man schon.Zweifel an dieser Gattungsbezeichnung kommen auf. Zwar hält sich die Autorin eng an die vorhandenen Materialien: im wesentlichen an die Briefe der "Cornelia Friderica Christiana Göthin", an ihr bisher nur in französischer Sprache vorliegendes Brieftagebuch und an die vielfältigen Aussagen des großen Bruders in seinen Briefen und in "Dichtung und Wahrheit".
Schon diese Auflistung macht jedoch deutlich, dass eigentlich nichts Neues zu erwarten ist. Schon 1903 hat Georg Witkowski der Schwester Goethes eine ausführliche und bis heute gültige Arbeit gewidmet. Auf ihr wiederum baut Ernst Beutlers Studie auf. Einige neue Aspekte der Beziehung des Dichters zu seiner Schwester, des bis an die Grenzen des inzestuösen Tabus gehenden Verhältnisses beschrieb R. E. Eissler in seiner großangelegten psychologischen Untersuchung über den Dichterfürsten.
So zeichnet Sigrid Damm - diese Materialien verwertend - das herkömmlich bekannte Porträt dieser Frau, die als sas "lieb Schwestergen" vom Bruder herablassend und mit väterlich-pädagogischem Eifer "erzogen" wurde. Aus der innigen Kinderbindung der Geschwister im Frankfurter Goethe-Haus entwickelte sich nach und nach ein vor allem durch den Bruder hervorgerufenes schuldhaftes Verhältnis. War sie ihm lange Zeit "Schwester, Geliebte und Frau", wird sie in späteren Jahren - nach der Heirat - fremd aus verletzter Eitelkeit, aus verletztem Besitzanspruch.
Bei der Dominanz, die Goethe über seine Schwester ausübte, bleibt die Persönlichkeitsentwicklung von Cornelia auf der Strecke. Aus dem jungen, intelligenten Mädchen voller Wissendurst, Wärme und Charme wird eine unglückliche, lebensunfähige Frau. Die Ehe mit Schlosser bringt keine Erfüllung, wird eher zur Last; die Loslösung vom Elternhaus, vom Bruder zur lebenslänglichen Belastung. Hoffnungen und Wünsche an das Leben erfüllen sich nicht. Sie bleibt im Schatten ihres Bruders dessen Bild von Cornelia - beileibe kein schmeichelhaftes - bis heute tradiert und kolportiert wir.
Sigrid Damm unternimmt stellvertretend für Cornelia den Versuch einer Korrektur; sie will ein neues Bild der "Göthin" zeichnen. Dabei verliert sie sich häufig inSpekulationen; fragt, was wäre gewesen, wenn...? WennCornelia ihre Lebenskonzeption jätte durchsetzen können, nicht dem Rollenzwang der Zeit und der Dominanz des Bruders unterlegen wäre? In einer Romanbiographie wäre diese Fragestellung möglich. In einer biographischen Studie jedoch, die sich kritischer Objektivität zu befleißigen bemüht, wirkt das aufgestzt und verfehlt.
Bei all diser Kritik: Sigrid Damms biographischer Versuch ist lesenswert. Mit weiblichem Einfühlungsvermögen gelingtihr ein anrührendes Bild dieser Frau, von der der Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz schwärmte: "Engel, Trost, Beglückung meines Lebens, Kleinod das der Himmel meinem Herzne zuwarf...Gottlob, daß ich dich habe."