Schon der Untertitel des Buches ("Gefangen hinter dem Spiegel") offenbar eine sehr deutliche literarische Parallele. Mit der Figur der Coraline hat Neil Gaiman eine moderne Alice geschaffen. Die Parallelwelt hinter der vermauerten Tür ist Gaimans Pendant zu Lewis Carrolls Welt hinter dem Spiegel. Ähnlich neugierig und scheinbar furchtlos, wie Alice die Welt im Spiegelland erkundet, erforscht auch Coraline ihre neue Umgebung. Sie scheint sich kaum zu fürchten, Neugier und Forscherdrang siegen über die Angst.
Gaiman inszeniert ein raffiniertes Spiel zwischen der falschen Mutter, die über das Reich hinter der vermauerten Tür herrscht, und Coraline und reichert das Ganze mit einer Prise Horrorelemente an. Da wäre der golemartige Mensch im Keller des Hauses, die küchenschabenessende andere Mutter, eine Wohnung voller fledermausartiger Hunde, die von der Decke hängen. Gaimans Inszenierung ist schon ausgesprochen phantasievoll ausgeschmückt. "Coraline" ist letztendlich eine Geschichte, die einen Märchenplot mit Gruselelementen verbindet und genau das ist Gaiman mit seinem Roman sehr gut gelungen.
Ursprünglich erschien die deutsche Ausgabe von "Coraline" 2003 im Arena Verlag und wurde dort als Buch für Kinder ab zehn Jahren deklariert. Tatsächlich deutet schon Gaimans Schreibstil an, dass sich "Coraline" durchaus auch an eine jüngere Leserschaft richtet, ohne sich dem erwachsenen Leser zu verschließen. Ob das Buch aber wirklich unbedingt für Kinder empfehlenswert ist, ist eine Frage, die die Meinungen spalten dürfte. Für Zehnjährige, die derartige Geschichten schon häufiger gelesen haben und entsprechend hart im Nehmen sind, mag das Buch in Ordnung sein, aber für andere Kinder sei da eher zur Vorsicht geraten. "Coraline" ist eben nicht ganz ohne und wer ein zartes Gemüt hat, sollte das Buch lieber noch zurückstellen.
Bleibt unterm Strich festzuhalten, dass "Coraline" eine schöne kleine Portion Gruselmärchen für zwischendurch ist. Gaiman stellt einmal mehr sein Talent als phantasiebegabter Erzähler unter Beweis und liefert mit seinem Roman eine moderne Gruselvariante von Lewis Carolls Kinderbuchklassiker "Alice im Spiegelland" - skurril und schaurig schön.