Es ist so eine Sache mit Autoren, die eine Hochphase durchmachen - irgendwann kommt dann leider, unvermeidbar, das schwächere Buch, die Enttäuschung, der Flop. Bei Gaiman ist davon, sehr zur Freude der Freunde der dunklen Phantastik, derzeit kein Anzeichen zu merken.
Vielleicht liegt es auch an seinem konsequenten Genre-Hopping: nach Comics, Kurzgeschichten, einigen Kurzromanen, einem großen Roman wendet er sich nun (nicht zum erstenmal in seiner Karriere) dem Kinderbuch zu. Allerdings ist es ein Kinderbuch im Gaiman-Stil, mit Ecken, Kanten und dunklen Ideen. Vielen dunklen Ideen.
Der Begriff Kinderbuch greift hier natürlich zu kurz. Es ist eines dieser raren Exemplare, das von Kindern und Erwachsenen gleichermaßen gelesen, verstanden und genossen werden kann. Wenn auch wahrscheinlich aus verschiedenen Gründen. Erwachsene können über das komplizierte Verhältnis zwischen Realität und Fiktion, zwischen Wunsch und Wirklichkeit nachdenken - Kinder werden eher gespannt dem Ausgang von Coralines Reise zwischen den Welten entgegenbannen. Diese unterschiedliche Art, auf die Geschichte zu reagieren, resultiert in der ironischen Tatsache, dass Kinder mit den verstörenden Elementen in diesem Buch leichter umgehen werden können als Erwachsene.
Auch sprachlich zeigt Gaiman hier wieder seine Meisterschaft. Das Buch ist in einer klaren, knappen Spreche geschrieben, die es Kindern erlaubt, der Story zu folgen und Erwachsene staunen macht, wie es möglich ist, soviel Subtext in so wenig Text zu verpacken.
Die meisterhaften Illustrationen von Dave McKean runden dieses wunderbare, eigenartige Buch perfekt ab.