"Coq Rouge" ist der erste und für mich der beste und unübertroffene Band der auf insgesamt zehn Folgen angelegten Serie (mittlerweile gibt es nach 11jähriger Pause einen weiteren Band) um den blaublütigen, musikliebenden, whiskytrinkenden Topagenten mit linker Vergangenheit, Weinkenntnissen und Millionen Schwedenkronen auf dem Konto.
Keiner der - z. T. ebenfalls hochklassigen und an Spannung wahrlich nicht armen - folgenden Bände ist so atemberaubend spannend wie dieser Erstling, keiner so vorbehaltlos überzeugend und so flüssig zu lesen; mit "Coq Rouge" hat Guillou einen echten Klassiker im Kanon der Spionage-/Thriller-Literatur vorgelegt.
Was macht den Ausnahmerang innerhalb der Serie aus?
Vielleicht die Tatsache, dass Carl Hamilton (Graf Hamilton) noch nicht der etablierte, hochdekorierte Top-Agent und Super-Held der Nation ist. Er fängt vergleichsweise klein an - nach erfolgreicher Spezialausbildung in den USA kann Carl aus politischen Gründen nicht wie geplant beim militärischen Nachrichtendienst Schwedens anfangen, er wird bei der - überall verhassten und als inkompetent verschrieenen Sicherheitspolizei Säpo "geparkt". Doch gerade die saubere Schilderung "normaler" Polizeiarbeit, die in den folgenden Bänden nicht mehr (oder allenfalls am Rande) erfolgt, macht den Wert dieses Buches aus! Die Art und Weise, wie Guillou hier die Ermittlungen in einem klassischen Mordfall (bei denen Carl zunächst keineswegs eine führende Rolle spielt) entwickelt, mit all ihrer Routine und allen bürokratischen Hemmnissen, unfähigen Vorgesetzten etc., steht so manchem hochgepriesenen Krimiautoren in nichts nach.
Carl beginnt als Underdog, und dadurch hat er die Sympathien der Leser von vorneherein auf seiner Seite. Er muss sich das Vertrauen seiner Kollegen und das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten erst erarbeiten und verdienen. Das geschieht in kleinen Schritten, und so wie er seine Kollegen zunächst ganz einfach bei Schießübungen verblufft, später bei kleineren, überschaubaren Aktionen überzeugt, wird auch der Leser nach und nach unweigerlich in seinen Bann gezogen und zum Hamilton-Fan.
Klug gemacht ist auch, zunächst nicht mit allzu vielen Details aus Carls Vergangenheit aufzuwarten, sondern gleich voll in die Handlung einzusteigen ("Das Geschoss war durch das rechte Brillenglas des Opfers in den Kopf gedrungen..."). Nach diesem gelungenen Auftakt und nachdem einige Fährten sich als falsch erwiesen haben, bricht Carl dann aus der Polizei-Routine aus und macht sich zur Informationsbeschaffung in den Nahen Osten auf. Dort knüpft er Verbindungen, die ihm auch in späteren Folgen noch nützlich sein werden, und erfährt auf abenteuerliche Weise, was er zur Klärung des Falles wissen muss. Schafft er es, rechtzeitig nach Schweden zurückzukehren, um eine Katastrophe zu verhindern? Ja, selbstverständlich (denn sonst wäre er ja nicht Coq Rouge), aber dennoch ist es bis zuletzt ein Thriller vom Feinsten.