Ich glaube, ich war 13, als ich den "David Copperfield" zum ersten Mal las. Nun, fast 40 Jahre später, dürften gut und gern 15 (oder mehr) Lesereisen durch diesen Roman der Weltliteratur (der übrigens auch das Lieblingsbuch von Aristide Briand, Gustav Stresemann und anderen bedeutenden Persönlichekeiten des 20. Jahrhunderts war) hinzugekommen sein. Dickens' Humor, die leise Melancholie, die über der Jugend des Titelhelden liegt, die zahlreichen (bei hundert habe ich es aufgegeben, sie zu zählen) liebevoll gezeichneten Charaktere und Typen, die atmosphärische Schilderung des gar nicht so guten alten London des 19. Jahrhunderts zogen und ziehen mich immer wieder in ihren Bann, und ich bin sicher, dass mich der Zauber dieses Buches auch beim 20. Mal wieder gefangen nehmen wird.
Im Laufe der Jahre sind sie mir zu Freunden geworden: David, Agnes, Traddles, Pegotty, Emily, Tante Betsey, Mr. Micawber. Ein Charakter wie Steerforth faszinert auch noch bei der 50. Lektüre, die Abneigung, die der Erzähler gegenüber Uriah Heep empfindet, überträgt sich immer noch beim Lesen auf mich. Die Geschwister Murdstone hasse ich von Mal zu Mal mehr. Und was wäre das Buch ohne die vielen kleinen Nebenfiguren, die vielfach mehr sind als bloßes Kolorit: Mr. Mell mit seiner Flöte, der geizige Mr. Barkis, Martha, Doras Tanten, Dr. Chillips, der liebenswerte Mr. Dick, der respektable Litimer...
Der Welt eines Karl May entwächst man mit dem Älterwerden - falls man sich je in ihr heimisch gefühlt hat. Dickens' "David Copperfield" kann einen ein Leben lang begleiten, kann einem ein literarisches Zuhause sein, in das man immer wieder gern zurückkehrt, ein Freund fürs Leben.
- Inzwischen hat der Überreuter Verlag eine gekürzte Jugendbuchversion des Romans herausgebracht. Auch dazu möchte ich einige Anmerkungen machen.
Diese Rezension bezieht sich also, wie gesagt, auf die (großenteils geschickt) gekürzte Jugendversion von Charles Dickens` Klassiker, erschienen im Ueberreuter Verlag 2009. Einen ersten positiven Eindruck vermittelt die recht bibliophile Halbleinen-Ausgabe zu einem tollen Preis, gedruckt auf gutem Papier, was der Verlag auch extra vermerkt. Interessanter als die Herkunft des Papiers (Salzer) dürfte für den Leser der Name des Bearbeiters/Übersetzers sein. Der allerdings fehlt.
Ein weiteres Plus dieser Version ist - vor allem für jugendliche Leser - die Anpassung des Textes an die (mittlerweile gar nicht mehr so) neue Rechtschreibung. So weit, so gut. Dem Text dieser Fassung kann man eine weitgehend jugendgerechte Kürzung (es bleiben immerhin noch 547 Seiten übrig) bescheinigen, mit kleinen Ausnahmen.
So wurden beispielsweise gerade die Passagen, die einen jugendlichen Leser interessieren, nämlich Davids Erlebnisse im Internat Salem, ziemlich zusammengestrichen. Dass hingegen Seitenstränge der Handlung weggelassen wurden, die selbst mir als erwachsenem Leser in der Originalfassung immer irgendwie isoliert vom eigentliches Geschehen erschienen sind, macht das Buch für 12 bis 14-jährige Leser sicher lesbarer. Ich denke zum Beispiel an die Episode zwischen Doktor Strongs junger Gattin Annie und ihrem Cousin Jack Maldon. Deren Streichung ist sicher kein Verlust. Andererseits wurden aber die ewigen, weitschweifigen und stilistisch zopfigen Briefe Mr. Micawbers nahezu ungekürzt übernommen.
Alles in allem bleiben die Charaktere, die Dickens hier geschaffen hat, erhalten. Wie in der ungekürzten Originalfassung entwickelt man Sympathien (für den Protagonisten, für Pegotty und ihre Verwandtschaft, für Tante Betsey und ihren verschrobenen Mr. Dick, für Thommy Traddles - und natürlich vor allem für Agnes Wickfield), ebenso Antipathien, wenn nicht gar Hass auf die Murdstones und Uriah Heep. Die Faszination, die von dem ambivalenten Charakter Steerforhts ausgeht, bleibt auch in dieser gekürzten Fassung erhalten. Nicht zu vergessen der unnachahmliche feine Humor Dickens`.
Auch in diesem Jugendbuch begegnet man als Kenner der ungekürzten Originalfassung seinen lieb gewonnenen Freunden wieder. Und vielleicht werden sie auch zu treuen Gefährten der jugendlichen Erstleser. Wenn das erreicht würde, hätte diese Ausgabe ihren Zweck erfüllt. Noch mehr natürlich, wenn sie die Liebe zu großer Literatur wecken könnte. Die Chancen stehen nicht schlecht.