Nach der letzten Klimaschutzkonferenz konnte eine Replik des Autors von "Apocalyse No!" nicht ausbleiben.
Lomborg vertritt seine Position immer entschlossener. Verständlich, denn bislang traf er auf keinen einzigen ernsthaften Gegner. Anstatt dessen nur persönliche Angriffe oder sogar Zensurversuche: Eine (erfolglose) Klage des Danish Committee on Scientific Dishonesty auf wissenschaftliche Hochstapelei. Dabei ist Mangel an intellektueller Redlichkeit vermutlich das Letzte, was man Lomborg vorwerfen kann.
In einem kürzlichen Spiegelinterview antwortete er auf die Frage, warum er so wenig auf den Artenschwund eingehe, der Verlust einer Art sei finanziell eben schwer zu beziffern.
Nach Lomborg sind Umweltprobleme vor allem Kostenprobleme. Wieviel die Menschheit aufbringen muss, um die durch Umweltveränderungen hervorgerufene Beeinträchtigung ihres Fortgedeihens zu kompensieren. Die dahinterstehende Weltanschauung ist anthropozentrisch, Naturschutz wird allein unter utilitaristischem Gesichtspunkt gesehen.
Dagegen steht eine Weltanschauung, die den Menschen lediglich als Teil der Biosphäre begreift, in deren Kreisläufe er sich möglichst harmonisch eingliedern sollte. Deren typische Vertreter lieben den engen Kontakt mit der Natur als wesentliches Element von Lebensqualität. Für manche von ihnen sind reine Quellen und Bäche oder das Rauschen des Windes in den Bäumen eines gesunden Mischwaldes fast religiöse Erlebnisse.
Schwärmerei, Hippie-Kosmologie, romantischer Ästhetizismus?
Wie es indessen mit dem ökologischen Gleichgewicht beschaffen ist, wissen wir letztlich nicht. Der Mittelmeerraum war einst bewaldet, Nordwestafrika die Kornkammer Roms. Dies ist dahin und Rom steht immer noch.
Lomborg hält bereits in "Apocalyse No!" (1. Auflage, S. 368) die Destabilisierung der sogenannten thermohalinen Zirkulation, die für den Golfstrom und somit das Wetter in Europa verantwortlich ist, für unwahrscheinlich. Fügt dann aber hinzu, wir wüssten "ausserdem immer noch nicht, was ein Kollabieren des Golfstroms tatsächlich koste(t)". Weiter vorne: Man solle aber gleichwohl auch wissen, dass "eine Schwächung oder ein Ausfall des Golfstroms zwar schwerwiegend, aber nicht katastrophal wäre die westeuropäische Gesellschaft würde mit erheblich grösseren Ausgaben konfrontiert, aber die Temperaturen und das Klima würden «nur» auf kanadische Verhältnisse absinken." (op. cit., S. 367)
Lomborg verrät an Stellen wie diesen eine völlige Unkenntnis oder aber bewusste Vernachlässigung der Relevanz ökologischer Netzwerke. Würde eine solch gewaltige Naturumwälzung für die Europäer glimpflich vonstatten gehen?
Wir wissen es nicht. Komplexe Szenarien wie diese entziehen sich trotz aller Computersimulationen unserer Kenntnis. Dies umso mehr, je grösser die zeitliche Entfernung. Im erwähnten Spiegelinterview gibt Lomborg dies auch zu, ohne es offenbar zu bemerken. Hinsichtlich des Artenschwunds infolge der letzten Eiszeit belehrt er uns nämlich, dass dieser nach den heutigen Computersimulationen wesentlich krasser hätte ausfallen müssen, als es tatsächlich geschah.
Ja, so ist das mit der Vorausschau hochkomplexer Systeme. Es gibt einfach zu viele Variablen, Unwägbarkeiten.
Lomborg verwirft blosse Gefahrenmöglichkeiten gerne als "Unbekannte", als gälte das Motto: "Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss" (schönes Wortspiel).
Aber WISSEN tun wir hier überhaupt sehr wenig. Doch die Zerstörung natürlicher Kreisläufe generell, nicht nur des Klimas, scheint doch ein sehr riskantes Geschäft. Zu glauben, man könne mit den Folgen schon irgendwie fertig werden, ist das nicht anmassend, menschliche Hybris? Sollten wir uns nicht lieber daran erinnern, dass die Natur uns ebenso dringend benötigt, wie wir sie?