Controlling Crowds, die Kontrolle der Massen, lautet das Thema des 2009er Konzeptalbums von Archive, der vielköpfigen Band um Darius Keeler und Danny Griffiths.
Keeler und Griffiths hatten sich offenbar viel vorgenommen und haben viel abgeliefert - 13 Songs mit 78 Minuten regulärer Laufzeit plus 4 Songs mit 16 Minuten auf der BonusDisc der Ltd. Edition. Aber nicht nur vom Umfang her ist Controlling Crowds ein dicker Brocken. Auch musikalisch wird einem hier einiges abverlangt, denn das auf drei Parts verteilte Opus untermauert seinen Konzeptalbumsanspruch mit (super umgesetzten) nahtlosen Übergängen und ist insgesamt schwerer und kompakter, als die drei Vorgängeralben (Lights, Noise, You All Look The Same To Me).
Streckenweise ist der (Prog-)Rockanteil gegenüber den Vorgängern (vor Allem gegenüber Noise) zugunsten von Elektronik, Orchester- und Chorbombast (von vereinzelt Wagnerhafter Schwere wie in Words On Signs) zurückgefahren worden und auch das Songwriting an sich ist teils verändert.
Archivetypische, sich auftürmende und zum Ende hin explodierende Titel gibt es, wie auch ohrwurmhafte Balladen, etwas seltener als zuvor. Die Elemente sind zwar da, aber nicht immer eindeutig songgebunden (als Refrain oder Leitmotiv). Dafür wird ab und an auch mal wieder gerappt (Quiet Time, Bastardised Ink, Razed To The Ground), wobei die Sounduntermalung mal elektronisch / futuristisch, mal orchestral / hymnisch ist. TripHop ist das - m.E. gottseidank - nicht wirklich, stattdessen wirklich gut gemacht.
94 Minuten Musik sind kein Pappenstiel. Die muss man erstmal schreiben und das ist Archive ohne nennenswerte Durchhänger gelungen. Controlling Crowds ist trotz aller Veränderungen und einiger Längen ein außergewöhnliches Album geworden, dass man aufgrund seiner Fülle von Musikstilen und Song-/Soundvariationen einfach öfter hören muss, bis es sich erschließt.
Bullets, die erste Singleauskoppplung (Video auf der DoppelCD) ist einfach mitreißend und würde auch Porcupine Tree gut zu Gesicht stehen - Gesang, Gitarren, Drums, Piano, Elektronik, Orchester... hier stimmt einfach alles, was für ein Song! Words On Signs, eine schleppend-hymnische, von Piano und Gesang dominierte Ballade, weckt teils Erinnerungen an Pink Floyds The Wall. Dangervisit macht zuerst Anleihen bei Supertramp und steigert sich dann spannungsgeladen über donnernde Drums in ein recht ekstatisches Finale - super. Chaos, eine erneut klaviergetragene Ballade überzeugt durch hervorragenden Gesang und großartige, orchestrale Steigerung. Funeral hat alte Qualitäten, ist erdig, mitreißend und zum Schluß auch laut.
Das von Maria Q gesungene Collapse/Collide beginnt düster atmosphärisch (im Stil von AIR) und steigert sich zu orchestraler Schwere auf Midtempo-Drums - gut gemacht. Bonustrack 1, Killing All Movements, ist gitarrenlastig, rockig und könnte - nur um der Orientierung willen - auch von U2 stammen. Bonustrack 2, Children They Feed, ist in bestem Sinne roh, straight und von trockenen Drums dominiert.
Controlling Crowds hat noch viele weitere Highlights, wenige Schwachstellen und ist eines der Alben, die nicht alle Tage erscheinen. Eine außergewöhnliche Band, ein erstklassiges Album (DoppelCD lohnt auf jeden Fall).