Musiker tun gut daran, sich selbst das Licht auszublasen und jung zu sterben, um zur Legende zu werden. Jim Morrison, Kurt Cobain, Janis Joplin, Jimi Hendrix – alle tot, noch bevor sie 30 wurden. Ian Curtis, Sänger der Band "Joy Division", warf das Handtuch bereits mit 23; einen Tag, bevor die Band die USA auf einer Tour erobern sollte. Dies ist der Stoff, aus dem Starfotograf und Videoregisseur Anton Corbijn seinen in schwarz-weiß gedrehten Film "Control" zaubert. Und Magie liegt in der Luft. In jeder einzelnen Szene, die man sich als Foto sofort an die Wand hängen möchte – umgesetzt vom Berliner Kameramann Martin Ruhe. Der Star des Films ist unbestritten Newcomer Sam Riley. Der aus Leeds stammende, zuvor in kleinen Rollen und als Sänger einer Band in Aktion getretene und sich sonst mit Gelegenheitsjobs über Wasser haltende 27-Jährige überzeugt ab der ersten Sekunde und verkörpert perfekt Ian Curtis mit Gestik, Mimik und Stimme – natürlich vor allem auch bei den Auftritten mit der Band. Hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu Frau und Kind, seiner Geliebten, seiner Musik, gequält von epileptischen Anfällen, Erwartungen, die er glaubt, nicht erfüllen zu können, und dem Gefühl, die Kontrolle über schlichtweg alles zu verlieren – dies alles ist an Sam Rileys Spiel glaubhaft ablesbar. Er interpretiert einsilbig die Unfähigkeit des Sängers, mit den Menschen zu kommunizieren, die ihn am meisten lieben, und schafft es doch, dabei nie in das melodramatische Abbild eines unverstandenen, gequälten, selbstmitleidigen Künstlers abzurutschen. "Die Leiden des jungen Werther" in einer grauen, trostlosen, englischen Stadt. Sam Riley – a star is born. Dies ist wohl allen sofort klar, die sich "Control" ansehen. Samantha Morton als Curtis' Ehefrau, das Heimchen am Herd, spielt ebenfalls wie immer exzellent. Alexandra Maria Lara als Groupie Annik zwängt sich gekonnt in Röhrenjeans und ist ein hübsches Beiwerk in jeder Szene. Ein schöner Moment auch, als Herbert Grönemeyer, langjähriger Freund von Corbijn, in einem Kurzauftritt als Amtsarzt zu seinen schauspielerischen Wurzeln zurückfindet. Die Umsetzung ist hypnotisch und atemberaubend (vor allem, als sich Ian von der Gattin trennt, wunderbar arrangiert zu "Love will tear us apart") und doch schafft es "Control", kein reines Biopic zu sein, sondern die schlichte, emotionale Geschichte eines Jungen, der an sich selbst scheitert, als seine Träume wahr werden und sich für ihn alles zu einem Albtraum entwickelt. Fazit: Ein grandioses Filmwerk – nicht nur für Musikfans! Auf gar keinen Fall verpassen!
Moviemans Kommentar zur DVD: Das Schwarzweißmaterial der DVD überzeugt durch eine reichhaltige Vielfalt an Grau- und Schwarztönen und immer wieder pointierte Schärfewerte. Dennoch bleiben Rauschen und Artefakte nicht aus. Leider fallen die Musikstücke in der Originalversion wesentlich leiser aus als in den deutschen Mischungen, in denen sie durchaus saftig klingen, aber insgesamt ein wenig zu frontlastig bleiben. Immerhin die Extras der Two-Disc-Edition lassen keinen Wunsch offen!
Bild: Das Filmmaterial in Schwarzweiß kann in der Kategorie "Farbe" natürlich nicht viele Punkte erhalten. Es muss ihm aber zugestanden werden, dass es eine große Bandbreite an Schwarz- und Grautönen aufweist, die sich präzise voneinander abzusetzen wissen (Eingang, 00:27:37 oder Straßenszene, 01:01:53). Die Schärfedarstellung funktioniert recht gut (einzelne Haarsträhnen von Debbie, 00:10:34), beweist aber keine wirkliche Glanzleistung. Hin und wieder verwischt eine Kante leicht mit ihrem Hintergrund, dies geschieht aber nur, wenn es sich um Oberflächen im selben Grauton handelt. Kleinere Treppchen oder feine Doppelkonturen bleiben zu diesen Zeitpunkten ebenso nicht aus (Arme von Curtis, 00:09:36), stellen aber kein wirklich schwerwiegendes Problem dar. Ein solches lässt sich auch kaum im Rauschen finden, das sich zwar etwas auf hellen Wandflächen aufhält aber dort einen kaum unruhigen Eindruck hinterlässt. Insgesamt kann das Bild aber überwiegend gefallen, da es stimmige Kontraste, eine große Palette an Grauabstufungen und gute Schärfewerte in seinen anspruchsvoll komponierten Einstellungen vereint.
Ton: Die akustische Ausstattung der DVD bringt zwar Dolby Digital- und DTS-Format mit, aber sie nutzt das Potential, das sie damit hat, nicht vollkommen aus. Gerade die Musikstücke könnten wesentlich kraftvoller auch die hinteren Kanäle besetzen, jedoch bleiben sie stark frontverhaftet und verwenden den Hintergrund nur sehr behutsam. Hinzu kommt, dass die Musik der Band-Auftritte in der Originalfassung wesentlich leiser ausfällt, was wirklich schade ist (TV-Konzert, 00:32:00). Ansonsten vermag das Original mit seinen authentisch, weil schön porös klingenden Stimmen durchaus zu gefallen. Die deutsche Synchronisation passt sich hier auch harmonisch an, denn sie spielt die Dialoge nicht nur gleichermaßen gut abgemischt aus, sondern verleiht ihr auch die gleichen stimmlichen Qualitäten. Die deutsche DTS-Fassung weist ein Quäntchen mehr Präsenz auf, als es die DD-5.1-Mischungen tun. Dies betrifft dabei nicht nur die Sprache, sondern auch die Kulisse, die sich dort ein Stück plastischer gibt. Die Kulissenarbeit fällt generell nicht besonders ausgeklügelt aus, setzt aber immer wieder einen Akzent auf einzelne Details, die dann dem Raum angenehm dynamische Breite zu geben vermögen (Auto fährt nach rechts aus Bild, 00:34:34 oder Regen bei 01:11:50).
Extras: Die Extras der Two-Disc-Edition beinhalten auf Disc eins einen Audiokommentar von Anton Corbijn, den Trailer zum Film (1:46 Min.) und einige Programmtipps. Auf der Specialdisc kommen ein sehr persönliches Making Of (23:02 Min.) und Interviews mit folgenden Mitwirkenden hinzu: Anton Corbijn (20:24 Min.), Sam Riley (10:54 Min.), Alexandra Maria Lara (8:11 Min.) und der Band (9:03 Min.), bestehend aus James Person, Harry Treadaway und Joe Anderson. Im weiteren Verlauf bietet die Extra-Disc ein interessantes, weil sehr authentisches, "Hinter den Kulissen", das sich in "Drehort: Macclesfield" (6:06 Min.) und "Am Set: Bandperformance" (7:50 Min.) aufteilt. Es folgen die ungekürzten Performance-Szenen "Leaders of Men" (2:41 Min.), "Transmission" (3:48 Min.) und "Candidate" (2:12 Min.), das Joy Division "Atmosphere"-Musikvideo von 1988 (4:41 Min.) und der Band Track "Digital" (2:29 Min.). Als letztes Extra folgt eine Bildergalerie mit 35 Fotos. Klasse, so sollte Bonusmaterial aussehen! --movieman.de