Überraschenderweise hatte der Record-Shop meines Vertrauens ein Exemplar bestellt (hatte ich schon abgeschrieben wg. Limitierung, und ich wollte auch mal genügsam sein...) und noch nichtmal verkauft; jetzt also doch "Content" als Box-Set. Was ist drin in der augenscheinlich leicht verbeulbaren Metalldose? Der übliche geil nutzlose Kokolores, der solche Editionen kennzeichnet und im halbwegs kritischen Konsumenten zu etwa gleichen Teilen die Gedanken "Brauche ich NICHT!" bzw. "MUSS ich haben!" triggert: Betont nüchtern und ästhetisch gestaltete Pappdeckel mit verschiedenem Inhalt. Die "History"-Bildergeschichte scheint, soweit ich das sehe, 2x in meinem Exemplar zu liegen (dafür in anderen "Content"-Dosen womöglich gar nicht). Es gibt ein Ringbuch mit Gesichtausdrücken in den Gesichtern der einzelnen Bandmitglieder und dazu Stimmungen wie "Happiness", "Disgust" oder "Contempt" (Bilder und Wörter sind beliebig kombinierbar.) und eine lila-Rote Flüssigkeit, bei der es sich um original GO4-Blut handeln soll, sieht aber eher wie Rote-Beete-Saft aus. Wie das wohl erst nächstes Jahr aussieht? Endlich mal ein Massenprodukt der internationalen Popkultur, das genuine Anwandlungen von Ekel hervorruft!
Ach ja, eine CD mit Musik ist auch noch dabei. Zu den 10 regulären Songs kommt (wie bei der Vinyl-Ausgabe) zu meiner Freude das vor ein paar Jahren mal als Single veröffentlichte und seitdem nur noch downloadbare "Second Life" dazu.
Die neuen Gang-Of-Four-Songs liegen vom Sound her nah bei den 2005er Updates der alten Kracher, klingen also erstmal ziemlich saftig. Arrangements und das Songwriting erinnern dafür besonders in der 1. Hälfte an gerade eben nicht mehr frühes GO4-Material, z.B. an Stücke wie "I Love A Man In Uniform" oder "To Hell With Poverty!", vielleicht auch an den einen oder anderen "Shrinkwrapped"-Song. Auf "Solid Gold" oder gar "Entertainment!" verweist "Content" hingegen eher sporadisch, auch wenn "Fruitfly In The Beehive" die Grundidee von "Paralysed" aufgreift, ohne wie ein Anerkennung heischendes Rip-Off zu klingen.
Die Dub-Informiertheit der ersten 2 Alben kann man hier (trotz des Gebrauchs einer Melodica) lange suchen, es gibt trotz sparsamer Instrumentierung kaum Löcher im Sound, Andy Gill klingelt an vielen Stellen alles dicht. Ist aber keine Katastrophe, denn: Sein Gitarrenspiel ist nach wie vor unverwechselbar und großartig in Szene gesetzt. Er hat seine Clicks, Tones und Riffs teilweise Segment für Segment aneinandermontiert und inszeniert seine Spielweise, indem er Skulpturen draus macht. Das hört man nicht auf Anhieb, aber es ist so. Hat natürlich mit Kabel-rein-und-los wenig zu tun, klingt aber toll! Der Baß dengelt dazu trocken und angezerrt, wie man sich das wünscht; Jon Kings Stimme unterliegt offenbar nur in homöopathischen Dosen einem Alterungsprozeß (Er und Andy Gill fallen sich, und das muß auch so sein, permanent ins Wort.); und der Schlagzeuger macht die Sachen, die man als GO4-Drummer machen muß: Tribalistische Beats spielen oder trockenen Weißbrot-Funk.
Beim schon erwähnten "Fruitfly..." flitzen die Hi-hats im Panorama von links nach rechts, da hat Gill also auch ordentlich gebastelt. Gelungene Sache, das; auch weil es, vor allem in der 2. Hälfte, dann doch GO4-untypisches zu hören gibt, z.B. die Ennio-Morricone-goes-Postpunk-Atmosphäre von "It Was Never Gonna Turn Out Too Good" (mit Vocoder-Gesang!). Solche Songtitel wie einzelne Sätze aus einem Buch schinden natürlich auch Eindruck und passen zu dieser intellektuellen Aura, mit der sich GO4 seit ihren ersten Tagen gern umgeben. Und die Texte sind wie immer: Ernüchternde Betrachtungen über die Codesysteme zwischenmenschlicher Beziehungspflege und die Selbstbehauptungskämpfe der Menschen in einer Welt, in der alles "Ich" ist und alles für umsonst. Das ist um einiges sperriger als die wavige Unterhaltsamkeit ihrer zahllosen Epigonen.
"Entertainment!" kann man nur einmal machen, "Solid Gold" ist nur wenig schwächer, aber "Content" (Soweit würde ich gehen.) ist die drittbeste Gang-Of-Four-Platte.