Mit diesem voluminösen Lesebuch legt der Oxforder Politologe und führende britische Rußlandspezialist Archie Brown ein ausgezeichnetes Arbeitsinstrument sowohl für die Hochschullehre als auch für die Forschung vor. Die insgesamt vierzig mehr oder minder langen Beiträge des Sammelbandes sind zum größtenteils sehr informativ und auf die folgenden zwölf Sektionen verteilt: institutionelles Design; Präsidentenamt und politische Führung; die Legislative und das Recht; Wahlen und Wahlsysteme; Probleme der Parteienbildung und -konsolidierung; ökonomische Reformen; öffentliche Meinung, politische Überzeugungen und die Massenmedien; die russische Staatlichkeit und die nationale Frage; Föderalismus, Regionalismus und örtliche Selbstverwaltung; Rußland und die Welt; die russische Transformation in vergleichender Perspektive. Das abschließende Kapitel titelt Brown: Ist Rußland dabei, eine Demokratie zu werden?
Browns kurze Einführungen zu den zwölf Sektionen sind ausnahmslos prägnant geschrieben sind und teilweise selbst beachtenswerte kleine Forschungsbeiträge darstellen. So verfolgt Brown in der Einführung zur ersten Sektion des Bandes (S. 9-10) etwa den eigenartigen Bedeutungswandel, den das Konstrukt Oberster Sowjet in der spätsowjetischen Periode erfahren hat - von der Bezeichnung für das bedeutungslose Pseudoparlament der UdSSR, das für einige Tage im Jahr zusammentrat, um die Beschlüsse der KP-Führung abzusegnen, zum Titel des acht Monate pro Jahr tagenden, entscheidenden Arbeitsgremiums des Kongresses der Volksdeputierten der UdSSR (und später - RSFSR), in dem alle wichtige Fragen des Landes mehr oder minder offen erörtert und durchaus wichtige Entscheidungen getroffen wurden.
In der Einführung zur letzten Sektion wiederholt der Herausgeber eine von ihm zuvor schon gemachte, wichtige Korrektur in der Terminologie der heutigen vergleichenden Transformationsforschung. Gemäß Brown sind die osteuropäischen Umwandlungen nicht als Bestandteil der sogenannten dritten Welle (Samuel Huntington) weltweiter Demokratisierungsprozesse, also als im Zusammenhang mit der Entstehung von Demokratien in Südeuropa, Lateinamerika und Ostasien seit den Siebzigern anzusehen. Vielmehr muß der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums und die damit verbundene Institutionalisierung von Demokratien - wenn man den Begriff Welle gebrauchen möchte - als vierte Welle in der weltweiten Demokratisierung betrachtet werden (S. 515). Ein Grund hierfür ist, daß weder zivilisationsübergreifende soziale Wandlungen noch transkontinentale Diffusionsprozesse, sondern ein außergewöhnlicher - ja in gewisser Hinsicht zufälliger - Sinneswandel an der obersten Spitze der Führungshierarchie des Sowjetblocks den Ausschlag für den Aufschwung und relativen Erfolg der osteuropäischen Demokratiebewegungen gab.
Last but not least ist Browns eigener längerer Forschungsbeitrag zu dem Band, der abschließende Aufsatz Eine Evaluierung der Demokratisierung Rußlands (S. 546-568) einer besonderen Erwähnung wert. Brown untersucht darin, inwiefern die russische politische Transformation bisher erfolgreich war in bezug auf (a) die Organisations-, Meinungs- und Informationsfreiheit, (b) eine sinnvolle, uneingeschränkte Wahrnehmung des passiven und aktiven Wahlrechts, (c) die Effektivität der Mechanismen einer politischen Rechenschaftslegung (political accountability) und (d) die Durchsetzung des Rechtsstaates. Brown kommt zu dem Ergebnis, daß Rußland sich während der neunziger Jahre zwar zweifelsohne im Prozeß einer Demokratisierung befand und auch diesbezügliche Fortschritte machte, daß jedoch das politische System Rußlands am Ende dieser Dekade noch keineswegs die Kriterien erfüllt, um als einschränkungslos demokratisch bezeichnet werden zu können, und somit weitere grundlegende Veränderungen in den oben aufgezählten vier Bereichen notwendig sind.