Knapp drei Jahre sind vergangen seit ich gelesen habe, dass Paco Mendoza sein Debütalbum "Consciente y Positivo" fertig hat. Jetzt, wo es endlich in meinem CD-Regal steht, geht mir eine Frage nicht mehr aus dem Sinn: Kann es denn allen Ernstes sein, dass die Suche nach einem Label für diese Perle so lang gedauert hat??? Und wie kommt es, dass ich über die Veröffentlichung nirgends etwas lese, dass ich nichts davon höre, die CD in keinem Laden sehe? Erklären kann ich es nicht. Aber vielleicht einen kleinen Beitrag leisten, damit sich etwas daran ändert?... ich versuch's einfach mal:
Nachdem man sich Paco Mendozas Werke - seine unzähligen Features mit anderen Künstlern, seine Samplerbeiträge und Arbeiten im Rahmen immer neuer Formationen/Soundprojekte - bisher mühsam zusammentragen musste, war meine Freude doppelt groß: 14 Tracks "Mendoza am Stück"? Her damit! Blind gekauft ohne reinzuhören - das mache ich nicht oft. Hier fand ich eine Ausnahme angebracht... zumal auch die Kooperation mit DJ Vadim nur Gutes ahnen liess: Schon dessen eigene Alben und Kollektivprojekte haben den Kosmos der Conscious Music ausnahmslos bereichert - aber gerade als Team müssen Mendoza/Vadim ihr Wahnsinnspotential nun wirklich nicht mehr beweisen: nach "Justicia" und "Candela" hätte ich sogar einen Musikantenstadl-Remix blind gekauft ;) Dass die Chemie in der Combo weiterhin stimmt, ist nicht zu überhören. Es macht Spaß und freut einfach die Ohren, wenn zwei so starke musikalische Persönlichkeiten ihre Eigenheiten zu einem neuen vielschichtigen Style verschmelzen, wenn zwei Individualisten ein gemeinsames Ziel vor Augen haben: Die Welt wachrütteln und zum tanzen bringen - mit Herz und positiver Botschaft.
Schon aufgrund dieser Konstellation ist es nicht weiter überraschend, dass die CD insgesamt etwas HipHop-lastiger ausfällt als man das von Paco Mendoza vielleicht gewohnt sein mag. Gerecht wird die Schublade "Rap & HipHop" dem Sound allerdings bei weitem nicht, denn "Consciente y Positivo" ist noch so viel mehr!!!... Es ist - natürlich - der unwiderstehliche sabor latino, den Paco Mendoza genauso im Blut hat wie den ritmo reggae. Es sind hochgradig ansteckende Cumbiagrooves, dezente Anleihen aus TripHop bzw. Electronica, reichlich HipHop eben, und ein kleiner Schuss Soul/R&B. Da trifft tanzbarer Clubsound auf ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr soziale Gerechtigkeit, für eine Welt ohne Grenzen, ohne Rassismus und Diskriminierung, gegen die Ausbeutung der Schwächsten im neoliberalen Wirtschaftssystem, gegen manipulative Medienpropaganda der Marke Berlusconi... und natürlich für mehr Mendoza-Mucke im Radio :) Für alle, die der spanischen Sprache auch nur ansatzweise mächtig sind, ist das Album schon wegen der umwerfenden Texte Pflicht. Alle anderen können trotzdem beherzt zugreifen und sicher sein: Was Paco da singt, ist inhaltlich genauso schön wie es akustisch klingt!
Im Kurzdurchlauf: Als Opener gleich ein Kracher, der müden Beinen buchstäblich auf die Sprünge hilft: bei "Cumbiame" bleibt garantiert niemand auf der Couch sitzen! Einen hellwachen Versuch, meine Eingangsfragen zu beantworten liefert "En la radio" - ein gutgelaunter Song, den es vom Raggabund (Paco "El Criminal" Mendoza mit seinem Bruder Don Caramelo) übrigens in einer ebenso pointenreichen, wenngleich (noch?) unveröffentlichten deutschen Fassung gibt. "El Rey" verleiht Mexikos traditioneller Ranchera ein völlig neues Gesicht und lässt vertraut klingende Bruchstücke nur noch im Refrain aufblitzen, während der Rest modern und groovy, aber gleichzeitig auch wunderschön melancholisch, ja poetisch daherkommt. "Presente": entspannt aufgelegte HipHop-Nummer, deren eingängiger Flow schon so manchen Freestylejam im Caramelo/Criminal-Wirkungskreis mit guter Laune infiziert hat - suavecito, yo les digo... me gusta esa vaina :) Mit dem Cumbiatrack "Fosforito" folgt ein weiteres tanzbares Sahnestück, das mit Sommer Sonne und Latingrooves jedes noch so trostlose europäische Schmuddelwetter vergessen macht. "Jah siempre" initiiert einen sanften Stilwechsel und leitet mit großartigem Text eine zweite Hälfte ein, die sich auf eindringliche conscious vibes konzentriert und mit melodiösen Flows und ganz, ganz starker Message punktet! Die Highlights "Revolucionario" und "Adicto" führen hier meine Favoritenliste an. Auch bei "Criminal viene" und "Positivo" steht el mensaje consciente im Vordergrund und hinterlässt bei jedem Hören das schöne Gefühl, dass sie lebt und nie - niemals - sinnlos oder vergebens ist, die Vision von einer besseren Welt. Wollte ich unbedingt Kritik üben, würde ich "Operación rescate" wohl als schwächsten Track betiteln, weil... ja, warum eigentlich? Vielleicht weil mir die "Patchwork"-Struktur (Collage aus Snippets/Einspielern) nicht ganz so liegt... oder einfach, weil Pacos Gänsehautstimme darin fehlt? Wahrscheinlich beides ein bisschen. Bei "Mala gente" sollte man jedenfalls unbedingt nochmal ganz genau auf die klugen, niemals unreflektierten Lyrics achten! Als Zugabe gibt's dann noch das Instrumental "La frekuencia" (hidden track), das durch die Rückkehr zur Partymucke den Kreis schließt und das musikalische Konzept abrundet. Lediglich mit den beiden Skits kann ich persönlich nicht viel anfangen. Aber die lassen sich ja ggfs. auch skippen, wenn es schon sonst nichts zu skippen gibt.
Zusätzliche Empfehlung: die Tracks "Vive tu vida" und "Victimas", die unverständlicherweise nur als mp3-Download erhältlich sind, nicht aber auf der CD! Was sich "la chusma" ;-) wohl dabei gedacht hat?...
Fazit: "Blind Date" mit Paco Mendoza? Unbedingt empfehlenswert! Das nächste Album wird wieder blind gekauft :) ... pues digo: ¡Más que dinero, lo que la gente aquí necesita es amor y simpatía... y muuucho más de Mendoza en estéreo!