Die bekanntesten Sammlungen von Kôans sind das Mumonkan (Die torlose Schranke) und das Bi-yan-lu (Die Niederschrift von der smaragdenen Felswand), während die vorliegende Kôan-Sammlung Cong-rong-lu (Aufzeichnungen aus der Klause der Gelassenheit) bisher nicht in vollständiger deutscher Übersetzung vorlag.
Der studierte Altphilologe Dietrich Roloff hat die Kôan-Sammlung Cong-rong-lu jetzt komplett aus dem chinesischen Original übersetzt und mit Kommentaren versehen. Das Buch ist 2008 im Windpferd Verlag erschienen. Roloff, der ebenfalls Meister der Teezeremonie der Ueda-Schule ist, beschäftigte sich intensiv mit dem Dao-de-jing, dessen Erkenntnisse in die Kommentare der vorliegenden Kôans einfließen.
Der Autor geht in seinem Vorwort kurz auf die Geschichte des Zen (Chan) in China ein und erläutert die Gemeinsamkeiten und den Zusammenhang der Lehren des Dao und des Zen. Im zweiten Vorwort nennt er die Hintergründe der Entstehung des Cong-rong-lu und stellt es dem Bi-yan-lu gegenüber. Er möchte in der vorliegenden Ausgabe den wechselseitigen Bezügen der beiden Kôan-Sammlungen nachspüren und sie für eine Deutung nutzbar machen. Er geht der Frage nach, warum es Überschneidungen in den Sammlungen gibt. Die Übersetzung ist auf den westlichen Leser des 21. Jahrhunderts zugeschnitten und Roloff selbst bezeichnet den Text eher neuzeitlich-philosophisch als traditionell-buddhistisch. Er möchte das Cong-rong-lu als philosophisch-religiösen Weisheitstext und sprachliches Kunstwerk verstanden wissen, das lebenspraktischen Gewinn bringt. Er verweist darauf, dass Zen mehr mit Mystik als mit Esoterik zu tun hat, und diese keinesfalls alltagsuntauglich sein muss.
Dass die Übung des Zen an sich nichts mit buddhistischer Philosophie zu tun hat, schrieb schon der Jesuitenpater Hugo M. Enomiya-Lasalle. Alle Religionen zielen letztendlich in ihrer allgemeinen Ausrichtung auf die letzte Wirklichkeit" oder mit den Worten von Teilhard de Chardin: Alle Dinge, die entstehen, streben zum gleichen Ziel." Und so lässt sich auch die Zen- und Kôan-Praxis in Christentum und andere Religionen problemlos integrieren.
Das Buch ist empfehlenswert für alle Menschen, die selbst auf dem Zen-Weg sind, bietet aber sicher auch Gewinn für Menschen, die nur Interesse an Zen haben, ohne selbst die Übung zu praktizieren.