Der Interpretationsansatz des italienischen Ensembles "Il Giardino Armonico" ist ohne Zweifel hochinteressant, ja vielversprechend, zudem aus Händels Biographie - entscheidende Impulse für sein Schaffen erhielt Händel während seines mehrjährigen Italienaufenthalts (1706-1710) - gut zu begründen. Ich zitiere aus dem Booklet:
"Il Giardino Armonico fasst diese Musik bezeichnenderweise dramatisch auf - und unverkennbar italienisch. [...] Antonini möchte die pompöse zeremonielle Seite am Charakter von Händels Musik vermeiden, die man oft in Aufführungen von Werken wie der Wassermusik und der Feuerwerksmusik hören kann." Den Leiter des Ensembles, so heißt es weiter, würde "der Gesangsaspekt" von Händels Instrumentalmusik interessieren, der weniger englisch als vielmehr italienisch wäre. Er wolle Händel aus einer "frischen, italienischen Perspektive" zeigen.
Die musikalische Umsetzung dieses theoretischen Konzepts indes fällt überaus enttäuschend aus. Denn es klingt weder besonders frisch (im besten Falle: gezwungen um Frische bemüht), schon gar nicht aber klingt es "italienisch", sofern es überhaupt sinnvoll und möglich ist, von so etwas wie einem "italienischen" Klangbild zu sprechen. Mir ist jedenfalls nicht erfindlich, was die hier vorgelegte Einspielung etwa mit Arcangelo Corelli, den Händel in seiner Zeit in Italien noch persönlich kennen lernen konnte, klanglich zu tun haben soll.
Der Grund für das Missglücken des - so ist zu konzedieren - ambitionierten Projekts liegt darin, dass Antonini und sein Ensemble eine - meines Erachtens - völlig übertriebene Auffassung von "Dramatik" haben:
Permanent knallen dem Zuhörer da die Akzente um die Ohren. Einen Augenblick nach einem solchen akustischen Schock wird die Lautstärke aber schon wieder auf ein derart artifizielles Niveau zurückgenommen, dass man nur noch ein undifferenziertes Säuseln vernimmt. Grundiert wird dieses enervierende Hin und Her durch eine geradezu verbissen den Takt und ihre Instrumente schlagende Continuo-Gruppe. Was das mit italienischer "serenità" zu tun haben soll, kann ich nicht erkennen. Für mich klingt das Ganze vielmehr überaus martialisch und überanstrengt.
Ich räume ein, dass der eine oder andere musikalische Effekt ganz interessant wirkt. Je länger man diesem Spiel aber hörend beiwohnt, desto mehr enerviert es: Händels Musik entwickelt in der Interpretation des Giardino Armonico eine gänzlich ungewohnte, unangenehme Penetranz.
Ein Übriges tut die Aufnahmetechnik, die das Ensemble (besonders die Continuo-Gruppe) akustisch sehr nahe an den Hörer heranholt und die Nachhallzeit extrem reduziert. Dadurch entsteht ein - für meinen Höreindruck - überpräsentes und überdirektes Klangbild. Der "kämpferische" Aspekt der Einspielung wird so noch verstärkt: Man hört die Musiker förmlich schwitzen und mit ihren Händen auf ihre Instrumente eindringen. Häufig wird dabei das musikalische Geschehen übrigens von einem kurzatmigen Keuchen (Ächzen?) des musikalischen Leiters begleitet, mit dem er seine "Truppe" offenkundig antreibt - ein, wie ich meine, sinnfälliges Zeichen für das Strapazierte und Strapazierende, das die vorliegende Einspielung prägt.
Zum versöhnlichen Ausklang noch ein paar Tipps: Wenn Sie eine - nach meinem Dafürhalten - gelungene Einspielung der wunderbaren (!) Händelschen Concerti grossi op.6 auf "historischen" Instrumenten suchen, so möchte ich Ihnen allen voran die famose Einspielung von Andrew Manze mit der Academy of Ancient Music (bei Harmonia Mundi) ans Herz legen. Auch Christopher Hogwoods Lesart (mit der Handel and Haydn Society bei Decca [2 CDs zum Preis von einer]) hat ihre Meriten. Und erst vor kurzem hat Martin Gester mit dem polnischen (!) Ensemble "Arte dei Suonatori" eine wie ich finde sehr ansprechende, nun wirklich zu Recht als "frisch" zu charakterisierende Interpretation beim Label BIS vorgelegt.
P.S. Sollten Sie Händel auf "modernem" Instrumentarium bevorzugen, versuchen Sie doch mal die - fast schon vergriffene - Deutung von Max Pommer mit dem Neuen Bachischen Collegium Musicum Leipzig. Sie werden staunen!