Aus der Amazon.de-Redaktion
Uri Caine und sein Ensemble (USA) haben schon mehrfach ihren Ideenreichtum bewiesen, wenn es darum geht, Themen klassischer Komponisten zu bearbeiten. Nach mehreren Veröffentlichungungen dieser Art (
Wagner in Venice,
Primal light), werden hier wieder ausschließlich Mahlerwerke zu Grunde gelegt. Echte Mahler-Kenner mögen allerdings dabei enttäuscht werden. Mit jugendlicher, unverhohlener Respektlosigkeit werden hier die Ausgangsthemen als Grundlage und Inspiration verwendet und nach Gusto auf verschiedenste Art geformt und geknetet. Es ist die hochkarätige Besetzung, die es dem Ensemble erlaubt, ein breites Spektrum an Klangrichtungen zu entwickeln. Von Klezmerklängen über Off-mainstream-Jazz bis hin zu elektronischen Klangkollagen mischt und vereint das Uri Caine Ensemble seine Ideen auf dieser Doppel-CD zu ganz eigenen und überraschenden Höreindrücken. Die eigenwillige Retrospektive wird durch die exzellente Aufnahmequalität und das beiliegende, aufwendig gestaltete Beiheft unterstrichen. Erst beim Schlußapplaus wird klar, daß es sich um eine Aufzeichnung eines Konzerts in Mahlers Heimatort Toblach anläßlich eines Mahler-Festivals handelt. Es enthält biographische Bezüge zu Mahler in Form von Kollagen aus Fotos und Skizzen. Eine ungewöhnliche Produktion für Grenzgänger.
--Andrea Vildósola E.
Jazzthing (11/99)
Wer außer dem Produzenten Stefan Winter wäre wohl bis vor kurzem noch auf die aberwitzige Idee gekommen, den Klassiker Gustav Mahler mit dem Idiom des amerikanischen Jazz oder eines der visionärsten Pianotrios der Gegenwart mit der vergangenen Blüte einer Édith Piaf zu koppeln? Winter macht's eben. Und gerade weil nur er es macht, befinden sich seine akustischen Inszenierungen unaufhaltsam auf der Überholspur. Uri Caines gefeierte Mahler-Hommage "Urlicht/Primal Light" noch zu toppen, schien eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Bis der Pianist 1998 ins Südtiroler Städtchen Toblach eingeladen wurde, wo Mahler am liebsten komponierte und wo seit 18 Jahren die Gustav-Mahler-Musikwochen stattfinden. Hier gelang es Caine und seinem achtköpfigen Ensemble tatsächlich, noch tiefer in die aberwitzige Dualität des zerrissenen jüdisch-österreichischen Genies einzutauchen. In zerklüfteten Klangwelten erscheinen Klezmermotive, Funeral-Nuancen, Funk-Schwaden, Fetzen von Elektronik, Wiener Caféhaus-Charme, hebräischer Klagegesang, Weills Sarkasmus und Mahlers Weltschmerz. Kühn, radikal und bruchlos chirurgisch vernäht zum ultimativen Schwanengesang dieses Millenniums.
© Jazzthing - Reinhard Köchl