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Produktinformation
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Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen auch das Verhältnis der Menschen zu ihr. Einerseits war sie immer eine technische Herausforderung. Die Messung der Zeit, oder besser des Vergehens von Zeit, hat zu einer Vielzahl von Erfindungen geführt, bis im 14. Jahrhundert endlich die erste mechanische Uhr das Ticken begann. Vorher galt es, die Zeit in größerem Maßstab in den Griff zu bekommen. Kalender teilten Sommer und Winter, Tag und Nacht in zeitliche Portionen: die Zeit als Naturphänomen. Andererseits waren für die Wahrnehmung der Zeit auch die Geisteswissenschaften erforderlich, denn sie bewahrten die Erinnerung.
Arno Borst, der sich als Forscher jahrzehntelang mit Mittlerer und Neuerer Geschichte beschäftigt hat, gibt in dieser tief gehenden Studie einen kulturhistorischen Überblick von Zeit und Zahl und damit der Suche nach dem Rhythmus Gottes: "Wer heilige Gedenktage bedeutsam vergegenwärtigen wollte, musste auch Menschenschicksale exakt nach Gottes Jahreslauf datieren", zitiert der Autor John Hennig.
Mit unzähligen Quellen angereichert, findet sich in diesem Buch auch ein akademisches Lebenswerk. Es liest sich zwar wie ein spannender Roman, dennoch fordert der Wissenschaftler Arno Borst für seine komplexen Gedankengänge und vielschichtigen Betrachtungsweisen Zeit und Muße -- und belohnt mit faszinierenden Einblicken in unsere Kulturgeschichte, die mit dem Ende der Zeitlosigkeit begann. --J. Schüring -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Borst entwickelt, ausgehend von kalendergeschichtlichen Thesen der Soziologen Norbert Elias und Günter Dux sowie der Historiker Thomas Nipperdey, David Landes und Herbert Grundmann, fünf spezielle Fragestellungen zur mittelalterlichen Komputistik, welche er in diesem Band zu beantworten versucht.
Auf den Vorwurf von Norbert Elias hin, das Mittelalter "habe den Kalender Julius Caesars fortgeschleppt und zu seiner Verbesserung nichts unternommen", fragt Borst: Verharrte das Mittelalter wirklich so unschlüssig bei einem veralteten Kalender? Der Autor zeigt an zahlreichen Beispielen mittelalterlicher Komputisten auf, dass zumeist in kirchlichen Diensten stehende und für deren Zwecke tätige Komputisten sehr wohl um eine Verbesserung des bestehenden Systems bemüht waren. Diese Tendenzen verstärkten sich vor allem im Hoch- und Spätmittelalter durch neuartige Zeitbestimmungsmethoden und mit den offenbarwerdenden Fehlern der bisherigen Zeitrechnung so sehr, dass ernsthafte Versuche zu einer Synchronisierung der vereinbarten mit der natürlichen Zeit unternommen wurden, welche aber an zahlreichen Widerständen, insbesondere der zunehmenden Finanzwirtschaft, welche mit termingebundenen Wertanlagen und Zinsen operierte, scheiterte. Trotz dieses Scheiterns möchte ich Borsts Frage verneinen, denn entscheidend ist bei ihrer Beantwortung für mich, dass der Wille und die Bestrebungen zur Kalenderreform in der Wissenschaft und beim Papsttum vorhanden waren.
Der Autor fragt, auf einer These von Günter Dux fußend, ob sich das Mittelalter in eine archaisch-religiöse und eine moderne-ökonomische Epoche gliedert? In diesem Punkt gelingt Borst die Widerlegung dieser These wenig eindeutig. Dies hat er vielleicht auch nicht beabsichtigt? In seinen Ausführungen werden für mich Differenzen zwischen einer zwar nach Allgemeingültigkeit verlangenden, aber auf lokale, kleinräumige Bedürfnisse - zumeist eines Klosters - projizierten und auf religiöse Belange ausgerichteten Komputistik im Frühmittelalter und einer spätmittelalterlichen Komputistik deutlich, welche überkommene Vorstellungen hinterfragt und hergebrachte Kalender überrechnet, da die aufkommende Geldwirtschaft genauer und für bestimmte Territorien einheitlicher Terminisierung bedurfte. Diese letztgenannte Tendenz darf man freilich in ihrer Radikalität nicht überbewerten, da sie ja nicht - wie bereits erwähnt - zu einer wirklichen Kalenderreform geführt hatte.
An Nipperdeys These vom "zukunftsorientierten" mittelalterlichen Menschen entzündet sich Borsts Frage: "Ob die Epoche aus ihrer eigenen Zeit wirklich so entschlossen zur Zukunft aufbrach und dafür sogar die Sorge für Tagwerk und Kalenderzeit vernachlässigte". Diese Frage beantwortet Borst am Schluss des Abschnittes, der sich mit dem Mittelalter beschäftigt, eindeutig: "Das europäische Mittelalter wollte nicht beim antiken Kalender verharren, nicht in eine moderne Zukunft aufbrechen, nur seine Gegenwart einstweilen erträglich gestalten." In der Darstellung des Autors kommt deutlich zum Ausdruck, dass jegliches Bemühen eines einzelnen Komputisten zunächst eng umrissenen Bedürfnissen genügen musste, wenn dies auch nur die Berechnung der Ostertermine für einen bestimmten Zeitraum gewesen ist. Eine ernstzunehmende komputistische Beschäftigung mit der Zukunft hat es im Mittelalter wohl kaum gegeben, hierzu waren die alltäglichen Probleme, welche der geltende, ungenaue Kalender aufwarf - auch wenn diese nur von Fachleuten erkannt werden konnten - zu gravierend. Auch trugen religiöse Vorstellungen von Weltuntergang und hereinbrechendem Antichrist wenig zu einer positiven Zukunftssicht bei, auch wenn derartige Prophezeiungen im Spätmittelalter durch das Ausbleiben ihres Hereinbrechens vielfach widerlegt schienen. Die Komputisten des Mittelalters waren mit ihrer Zeit beschäftigt, was vor allem auf dessen Spätphase zutreffen dürfte, in welcher die ökonomische Prosperität eher kurzfristiger und genauer Kalender als vager Zukunftsvisionen bedurfte.
Arno Borsts vierte Frage wird durch die These von David Landes inspiriert, dass benediktinische Mönche im Frühmittelalter durch Festlegen von Gebetsstunden und Arbeitszeiten eine moderne europäische Zeitmessung und Zeitdisziplin begründet haben. Sie lautet: "Richtet sich die Epoche ihre Gegenwart wirklich schon in der ersten Phase wie ein Zuchthaus für Frevler und Faulenzer ein?" Auch diese These wird von Borst in seiner Abhandlung eher widerlegt, als bestätigt. Denn die Disziplinierung des Klosterlebens erfolgte im Frühmittelalter - mangels geeigneter Messinstrumente und Messverfahren - eher halbherzig und ungenau. Zwar ist nicht zu bestreiten, dass etliche Elemente des strukturierten Klostertages noch heute - zumindest deren Begriffe - vorhanden sind, doch haben sich deren Inhalte im Laufe der Jahrhunderte stark verändert. Die elementaren Ursprünge moderner Zeitrhythmen und der modernen Zeitmessung liegen wohl eher in der Renaissance mit der Durchsetzung des in 24 gleiche Stunden geteilten Tages und dem von Laien einigermaßen handhabbaren Zeitmessern, wie der mechanischen Uhr, begründet.
Was hat der mittelalterliche Computus mit dem modernen Computer gemeinsam? Mit seiner fünften Frage ist Arno Borst bemüht, eine Verbindung zwischen zwei Epochen zu schlagen und eine mutmaßliche Kontinuität nachzuweisen. Auf abstrakter Ebene kann man den Computus bzw. die für ihn herangezogenen Hilfsmittel und den Computer als Instrumente bezeichnen, welche dem Menschen, der mit ihnen umzugehen versteht, bestimmte Dienste leisten kann. Die Zeitrechnung wird heute jedoch in ihrer Bedeutung kaum mehr wahrgenommen. Das ist ein Ergebnis der Komputistik selbst, die allgemein akzeptierte Zeitrechnungs- und -messungsmethoden hervorgebracht hat, welche eine komputistische Diskussion zu erübrigen scheint. Dabei wird die Suche nach dem perfekten Kalender (natürliche = vereinbarte Zeit) - mit Hilfe des Computers - fortgesetzt, ohne das die Aussicht nach einer Kalenderreform um ihrer selbst Willen gegeben ist. In den geltenden Kalendernormen - obwohl sie die Gesellschaftszeit nicht einhundertprozentig mit der Naturzeit in Übereinstimmung bringen - lässt sich unser Leben praktikabel einrichten, da wir die Ungenauigkeiten des Kalenders nicht wahrnehmen. So hat sich jede Epoche in ihrem Zeitsystem einzurichten verstanden, ohne dass sie von sich heraus eine Verbesserung desselben gefordert hätte.
Borst hat seine Monographie - gemäß seinem Thema - chronologisch strukturiert. Er behandelt die Epochen sowie seit Beginn des Mittelalters einzelne Jahrhunderte und handelt sie ab. Nacheinander werden die wichtigsten Theorien und Praktiken der Zeitrechnung bzw. -messung und deren Exponenten abgearbeitet. Dabei verspricht der Titel des Buches mehr, als dieses zu halten vermag. Computus. Zahl und Zeit in der Geschichte Europas: Der Schwerpunkt der Abhandlung liegt eindeutig im Bereich des Mittelalters. Lesen Sie weiter... ›
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