Unterhaltung, Faszination, Gefangenschaft, Sucht - ausgehend von dieser Begriffskette versucht ein deutsches Autorenduo, bestehend aus Kinderpsychologen Wolfgang Bergmann und Hirnforscher Gerald Hüther, jenes Phänomen zu beschreiben, dass in Folge moderner Medien immer häufiger in unserer Gesellschaft zu beobachten ist. Die Autoren sind sich eins: Insbesondere jüngere Menschen sind davon betroffen. Den Angelpunkt der Diskussion bildet ein Schlagwort: "Computersüchtig?!"
Aufbruch in eine neue Welt
Dass Kinder und Jugendliche im Laufe ihrer Entwicklung die Welt entdecken, ist mittlerweile eine Binsenweisheit. Abgesehen von der Welt, die wir alle kennen, ist in den letzten Jahren eine neue Welt entstanden, deren Entdeckung von uns allen Pionierarbeit fordert: Die Cyber-Welt, das Internet. Wie auch in der "richtigen" Welt finden sich hier eine Unzahl an Milieus, Gruppen und Gesellschaften. Aus Sicht der Jüngeren könnte man allen, die dieses Faszinosum links liegen lassen, mangelnden Entdeckergeist vorwerfen. Nicht so viele Jugendliche, die die Gelegenheit, eine neue und noch kaum eroberte Welt zu entdecken, mit beiden Händen packen und in Richtung digitaler Weiten schippern - wo noch (beinah) kein Mensch zuvor gewesen ist.
Wie viele neue Welten hat auch die digitale den Anschein eines Eldorado: sagenhaftes Goldland und mystischer Ort, an dem ungeahnte Verheißungen Glück und Zufriedenheit versprechen. Vor allem jene, die ihre aktuelle Lebenswelt nicht gerade als ein solches Eldorado einschätzen, begeben sich auf die Suche. Gerade Jugendliche, die nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung streben, möchten eine solche Welt finden. Viele stoßen dabei auf die Parallelwelt des Internets, in der reale Identität, Alter, äußere Erscheinung oder die Schublade der peer group zur Nebensache werden und sich neue Möglichkeiten der Selbstbehauptung auftun. Wie schon in der Zeit der Konquistadoren stoßen die Eroberer allerdings nicht immer und sofort auf die besagten Schätze: In vielen Fällen bietet das Anlegen an der Küste der neuen Welt auch Gefahren und Risiken, die in der alten Welt unbekannt waren.
Living in Cyberworld: Eroberungsgeist oder Sucht
Das "neue Land" Internet wird von Bergmann und Hüther fragend unter die Lupe genommen. Die dabei eingenommene Perspektive ist die der besorgten Eltern, die ihr Kind vor den angesprochenen Gefahren schützen möchten. Schrittweise wird in dem Buch in die unbekannte Welt eingeführt. Besorgten Eltern werden dabei vier Aufgaben gestellt, mit Hilfe derer sie Verständnis für die digitale Lebenswelt ihrer Sprösslinge lernen können: Sie sollten Aufwachen, Hinschauen, Verstehen und über das gesehene Nachdenken. Das Fazit: Internet kann spannendes Hilfsmittel oder Ersatzwelt sein. Kinder und Jugendliche können dieses Medium wie Erwachsene auch auf vielfältige Art nutzen. Ein Missbrauch ist allerdings nicht auszuschließen. Der Rettungsring, mit dem der Nachwuchs aus der Sucht befreit werden kann, heißt Verstehen und Verständnis entwickeln. Wie man Internetsucht erkennt und sie beseitigt, ist die Schlüsselfrage des Buches.
Einziges Manko: Ab wann man davon ausgehen kann, dass ein Mensch tatsächlich computersüchtig ist, wird nicht verraten. Die fließende Grenze zwischen der Faszination für die Möglichkeiten des Internet und dem Abgleiten in die Parallelwelt des Cyberspace ist schwierig zu ziehen. Stillschweigend davon auszugehen, dass ein "Krankheitsbild Computersucht" besteht, ist hier wohl ein bisschen zu einfach gedacht. Wenn Eltern jedoch die Sorge plagt, ihr Kind könnte in den Sog des Mediums Internet geraten, finden sie in diesem Buch einen guten Ratgeber, der gangbare Lösungsvorschläge und hilfreiche Handlungsanleitungen bietet.