Der deutsche Titel des Buches ist nicht nur irreführend, sondern schlicht falsch. Es geht hier nicht um eine Auseinandersetzung zwischen den Unternehmen Microsoft und IBM. Was hier erzählt wird, ist die Krise von IBM, in die das Unternehmen zu Beginn der neunziger Jahre geriet, und in der der Aufstiegt von Microsoft nur eine der Randbedingungen war. Dass Microsoft es für die deutsche Ausgabe in den Titel geschafft hat, verdeckt den Blick auf die Tatsache, dass die Krise von IBM hausgemacht war. Der englische Titel lautet übrigens "Big Blues: The Unmaking of IBM", das ist nicht nur witziger, sondern auch passender.
Es heißt, dass gerade der Erfolg über längere Zeit ein Unternehmen in den Abgrund reißen kann. Und so beginnt die Erzählung von Paul Carroll, einem ehemaligen Manager der IBM, gerade mit dem außerordentlichen Erfolg des Unternehmens über viele Jahrzehnte. Insbesondere auf dem Gebiet der klassischen Großrechner hatte IBM bis spätestens Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger ein Quasimonopol erreicht. Aber genau in diesem Erfolg war die Krise begründet, die nicht viel später begann. Da IBM extrem hohe Margen gewohnt war, gleichzeitig aber im Bereich Service und Vertrieb Qualität vermissen lies, suchten die Kunden andere Technologien, die vielleicht objektiv schlechter waren, aber dennoch die Abhängigkeit gegenüber der IBM verminderten. Nicht zuletzt ist dadurch der Aufstieg der kleinen, harmlosen Personalcomputer in den Unternehmen zu verstehen, die ursprünglich doch für den Heimanwender zu Hause konzipiert waren. Statt bei IBM zu kaufen, beschafften die großen Kunden plötzlich Einzellösungen bei Cisco, bei Compaq und eben bei Microsoft. Und schnell zeigte sich, dass die extrem zentralistische und bürokratische Unternehmenskultur bei IBM auf die plötzlichen Veränderungen der Branche nicht reagieren konnte. Gleichzeitig war lange Jahre hindurch Rat von Außen nicht willkommen, bis schließlich die Insolvenz des Unternehmens drohte. Und erst dann war man bereit, eine Führungsfigur von außerhalb des Unternehmens zu akzeptieren. Man ernannte Louis Gerstner zum CEO, der das Ruder herumriss.
Die Analyse der Entscheidungsprozesse, der Karrieren der beteiligten Manager, der Unternehmenskultur der IBM ist im Buch hervorragend gelungen. Denn von außen betrachtet ist Wirtschaft etwas sehr einfaches. Man muss nur auf die Kunden hören und dann die richtige Entscheidungen treffen. Aber Unternehmen sind eben auch soziale Gruppen, in denen besondere Regeln gelten. Und Entscheidungsträger in diesen sozialen Gruppen haben oft einen besonderen Horizont, der sich manchmal als durchaus beschränkt erweisen kann. Die gruppendynamischen Prozesse, die hier in einem praktischen Fall beschrieben sind, werden Mitarbeitern in vielen großen Konzernen auf dieser Welt nicht ganz unbekannt vorkommen.
Ist dieses Buch noch aktuell? Das Buch endet bereits mit den Entwicklungen Mitte der neunziger Jahre zu einem Zeitpunkt, als es noch nicht klar ist, ob die durch Gerstner eingeleiteten Veränderungen langfristig wirklich wirksam sein werden. Inzwischen wissen wir, dass diese Konzepte wirksam waren. In "Who Says Elephants Can't Dance" sind die Veränderungen in dieser Zeit von Gerstner selbst sehr gut beschrieben worden. Ist das vorliegende Buch deshalb veraltet? Gerstners Nachfolger, Sam Palmisano ist im Gegensatz zu Gerstner wieder eine Führungsfigur aus den eigenen Reihen mit Stallgeruch. Er hat das Unternehmen zunehmend wieder auf die Technologie - statt auf integrierte Lösungen - ausgerichtet. Der wichtigste Bereich ist heute nicht mehr die von Gerstner für entscheidend gehaltente Servicesparte, sondern der profitablere Softwarebereich. Es muss sich noch zeigen, ob IBM damit auf dem richtigen Weg ist. Zumal damit wohl auch ein Rückschritt in der Unternehmenskultur verbunden ist. Geht es wirklich noch um Lösungen für Kunden? Achtet IBM noch auf die Botschaften vom Kunden und auf den Wettbewerb? Oder versucht man nicht, sich über Technologie erneut kleine Monopole zu schaffen, um ein profitableres Geschäft mit weniger Wettbewerb zu sichern? Das kann gefährlich sein, wie die Geschichte zeigt.
Ja, ein hochaktuelles Buch haben wir hier vor der Nase.