1928 nahm der 1892 geborene John Hurt ein paar Schallplatten auf, um sein Können zu demonstrieren. Niemand interessierte sich dafür. Da verschwand er wieder von der Bildfläche und spielte lange Zeit nur noch für sich selbst und seine Nachbarn. 1963 überlegten zwei junge Blues-Musiker, die auf Umwegen in den Besitz einiger dieser alten Platten gekommen waren, ob dieser Gitarrist vielleicht noch lebend aufzufinden sei. Angelpunkt war die auf einer Scheibe zu hörende Textzeile "Avalon, my hometown" - aber auf keiner USA-Map war dieses Avalon zu finden. Schließlich, auf einem alten Atlas des Jahres 1878 wurden sie fündig: Avalon musste an der Straße zwischen den kleinen Ansiedlungen Greenwood und Grenada gelegen haben. Sie machten sich auf den Weg und fragten genau in der Mitte zwischen den beiden Orten an einer Tankstelle nach einem Gitarrenspieler namens John Hurt. Der Tankwart antwortete: "Sure, about a mile down the road, third mailbox up the hill." Dies wurde die zweite Chance im Leben des John Hurt. Die beiden jungen Leute schleppten ihren Hero auf ihre High Scool und so entstanden Tonaufzeichnungen neueren Datums: CANDY MAN, STAGGOLY (bad man!), CREOLE BELL: Der Vortrag des alten Mannes wirkt verblüffend lebendig, humorvoll, ja lustig; die von vielen Interpreten nachgesungenen Evergreens C.C.RIDER oder jene Ballade "Make Me a Pallet on the Floor" rühren in der Version des "Mississippi" John Hurt ans Herz, als säße der Fingerpicker bei uns im Wohnzimmer: Das Vermächtnis einer reichhaltigen, väterlich wirkenden Persönlichkeit, welches verblüffend nachvollziehbar technisch konserviert ist, kann man in voller Aktion erleben. Man sage nicht, "das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" (Walter Benjamin) vermittle nicht mehr jenen wichtigsten, schöpferischen Moment, den springenden Punkt eines jeden Kunsterlebnisses: diese 3 CD-Sammlung vermag es! John Hurt starb 1966 - man ist dankbar für die Technik, welche uns diesen wertvollen Menschen weiterhin wie unauslöschlich aus einer anderen Zeit in unsere hektische Gegenwart hinüberreicht.