Es gibt Legenden, die sind glaubwürdig. Zum Beispiel die, dass Robert Johnson seine Seele dem Teufel verkauft haben soll, um so Gitarre spielen zu können. Wenn man diese CDs gehört hat, vorbildlich restaurierte historische Aufnahmen, dann nickt man: Das ist keine Legende: Robert Johnson m u s s einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben.
Die Songs kennt man von x anderen Großmeistern, Keith Richards bzw. den Rolling Stones, Eric Clapton, Fleetwood Mac...: "Malted Milk", "Ramblin' on My Mind", "Cross Road Blues", "Sweet Home Chicago", "Little Queen of Spades"...
Hier meldet sich ihr großer alter Meister, von dem sie's abgeschaut haben, der's ihnen vorgemacht hat, was eine alte Gitarre alles hergibt. Die typische Blues-Akkordfolge, Subdominante, Dominante, Tonika... Aber was er dann mit seinen Fingern dazuteufelt an angedeuteten und durchgezogenen Melodien und Läufen, mal bis an die Schmerzgrenze hingezogen, mal in atemberaubendem Tempo über alle Saiten gefegt... Hatte der Kerl wirklich nur zehn Finger?
Zunächst auch der typische Blues-Rhythmus. Aber den gleich doppelt, mindestens. Einmal auf der Gitarre, wenn's denn nur einmal ist, und wenn er nicht schon da zwei verschiedene Rhythmen gleichzeitig von der Kette lässt. Und zum zweiten mit dem Gesang. Wie hielt er das durch, ohne sich zu verheddern? Den mindestens einen Rhythmus in den Fingern, den andern in der Stimme, und alle zusammen scheinbar gegen- und in Wirklichkeit doch miteinander?
Und dann der Gesang selber. Quer durch alle Oktaven hindurch, wenn man denn mit traditionellen musikalischen Begriffen über Robert Johnson reden will. Noch vor allem Wort erzählt die Melodie selber, verbreitet Stimmungen bar aller Romantik, klagt vom harten Südstaaten-Leben der 1930er Jahre, von Einsamkeit, untreuen Geliebten, von nie endenden Wanderungen, breitet regelrechte Dialoge aus.
Manchmal jault und kreischt, grantelt, bellt, knurrt Johnson sich selber ins Wort, aber nicht um des Jaulens und Kreischens willen, sondern weil es so sein muss. Dann wieder kommentiert er schnell mal selber ganz lakonisch all seine Dramatik, fast überhört man's. Und wie gesagt -- die Gitarre führt unterdessen ihr wildes Eigenleben.
Mal dominiert getragener Rhythmus mit allen Finessen und allem Elend dieser Welt, nicht nur in "Kindhearted Woman Blues", "Ramblin' on My Mind", "Love in Vain Blues", "Cross Road Blues" oder "Dead Shrimp Blues" zum Beispiel, wo der Blues so unendlich blue ist, wie Blues nur sein kann, und wo Johnson seine Zuhörer schwindlig spielt und singt und jault. Und mal geht der ungezähmte Blues mit Turbo zur Sache: Den unerbittlich vorwärts stampfenden "32-20 Blues" und "Traveling Riverside Blues" wagt sich so schnell kein Hindernis in den Weg zu stellen, "Preaching Blues" steigert sich nach verhaltenem Beginn immer wilder einem Blues-Finale entgegen, einer Art Blues-Inferno auf Speed. "They're Red Hot" verstößt schon fast gegen die reine Lehre des Blues mit seinem souveränen Ragtime-Einschlag, und "From Four 'till Late" wirkt zwischen all dem geknurrten virtuosen Elend nachgerade unwirklich, so unbeschwert klingt diese liebenswürdige Ballade -- freilich auch mit Blues.
Robert Johnson starb mit gerade mal 27 Jahren; die musikalische Hinterlassenschaft passt auf gerade mal zwei CDs, hinterlässt die Zuhörer offenen Mundes -- und lässt nach über 70 Jahren immer noch so manchen hoch gehandelten "King" reichlich blass aussehen, Teufel hin oder her.
Wie es der Titel bereits verspricht, enthält die Box auf zwei CDs alle greifbaren Aufnahmen von Robert Johnson, incl. verschiedener Aufnahmen eines Songs, soweit vorhanden. Und nicht nur beim "Cross Road Blues" ist es unmöglich zu entscheiden, welche Version die eindringlichere ist -- die etwas schnoddrige erste, oder die zweite, bei der Johnson nun wirklich alle Register zieht und singt, knurrt, jault, Akkorde schlägt, und aus Akkorden Melodien aufbaut, und mindestens drei verschiedene Rhythmen gleichzeitig hält. Nein, das mit dem Teufel, also, an dem Gerücht könnte was dran sein.