Noch so eine erfreuliche Box mit Wiederauflagen schöner Bernstein-Aufnahmen aus den 1980er Jahren, für die man zur Zeit ihres ersten Erscheinens in Einzel-CDs eine ganze Stange Geld hinblättern durfte. Zum Sparpreis erhält man hier den kompletten Wiener Schumann-Zyklus Bernsteins einschließlich Violoncello- und Klavierkonzert, zusätzlich die Schubert-Symphonien Nr. 5, 8 u. 9 mit dem Concertgebouw-Orchester und die Mendelssohn-Symphonien Nr. 3 - 5 zuzüglich der Hebriden-Ouvertüre mit dem Israel Philharmonic.
Die Schumann-Symphonien in Bernsteins Interpretation sind bereits an anderer Stelle (
Sinfonien 1-4 (Gesamtaufnahme)) ausführlich besprochen und werden allgemein hoch geschätzt, wie ich finde zurecht. Sicher sind die vergleichsweise gemäßigten Tempi in den langsamen Sätzen und der vibrato-gesättigte Streichersound heutzutage auch bei Schumann schon fast ein wenig ungewohnt, dennoch spielen die Wiener Philharmoniker in diesen Aufnahmen vergleichsweise flexibel und sowieso immer mit einem Höchstmaß an Spannung und dynamischem Gespür. Beeindruckend für mich zudem die Tempo-Steigerungen, die Bernstein in so manchem schnellen Satz noch herausholt, etwa in den Finalsätzen der Symphonien 1 u. 4, im Gegensatz zu mancher aktuellerer Interpretation der "historisch Informierten", die vor der letzten Stretta allenfalls ein wenig das Tempo drosseln, um dann zur ursprünglichen Geschwindigkeit zurückzukehren, die sich ohnehin schon am Limit befand. Für meinen Geschmack sind auch die beiden Solokonzerte gelungen, zusammen mit Mischa Maisky musiziert Bernstein wie erwartet sehr emotional, aber agogisch nicht ganz so extrem frei wie etwa im Dvorák-Konzert, auch Justus Frantz bietet eine frische Darbietung mit einem gerüttelt Maß an Lyrik, aber auch viel Drive. Sehr erfreulich finde ich, dass Bernstein in den Schumann-Symphonien alle Wiederholungen spielen lässt.
Die Wiederholungen vermisse ich in der "Großen" C-Dur-Symphonie von Schubert. Ansonsten ist Bernsteins Auslegung geprägt von großer Spannung, Sinn für starke Akzente, und dies bei eher zügigen Tempi. Die "Unvollendete" ist gleichfalls spannend, mit nicht ganz zo extremen dynamischen Kontrasten wie etwa bei Carlos Kleiber. Die 5. Symphonie von Schubert erklingt hier erstaunlich luftig und sehr delikat phrasiert, auch eher flott. Aus meiner Sicht alles intensiv musizierte Schubert-Aufnahmen, mit denen man durchaus glücklich werden kann, zumal das Concertgebouw-Orchester hier wieder einmal in allen Gruppen ganz exzellent disponiert ist.
Bernsteins Mendelssohn schließlich ist sicher "dramatischer" und schwerer als man ihn heutzutage aus der "historisch informierten" Ecke kennt, aber auch hier nehmen mich die überspringende Energie von Bernsteins Dirigat und sein Gespür für Stimmungen und Steigerungen bei vergleichsweise guter Durchhörbarkeit sehr für sich ein.
Die Aufnahmetechnik ist durchwegs gut, für meinen Geschmack nicht ganz so herausragend wie bei den Sibelius-Aufnahmen (
Complete Recordings on Dg) aus Wien, aber doch von erfreulicher Tiefe und Klarheit. Die CDs befinden sich in einzelnen Papp-Kartönchen, das Beiheft beschäftigt sich v.a. mit der Entstehung dieser Aufnahmen und ist diesbezüglich auch recht informativ.
Für meinen Geschmack ganz besonders wegen der herausragenden Schumann-Aufnahmen, aber auch als Gesamtpaket unbedingt empfehlenswert.