Diese Aufnahme hätte ein Highlight in der Diskographie von Miles Davis werden können: ein hervorragendes "Interims-Miles-Davis-Quintett" (die Formation zwischen dem 1. und 2. Miles Davis Quintett, bestehend aus: Cobb, Chambers, Kelly, Mobley, Davis), das, zusammen mit einem 21-köpfigen Orchester unter der Leitung von Gill Evans die größten Erfolge des Trompeters der vorausgegangenen Jahre (wir schreiben das Jahr 1961) in den heiligen Hallen der Carnegie Hall zu Gehör bringt. Kann es etwas Aufregenderes geben? Nie hatte Miles vorher mit einem Gill-Evans-Orchester live musiziert, die Realisierung der diffizilen Arrangements war stets eine Sache vieler Takes im Studio gewesen. Jetzt aber wagt sich Miles, unverhaltener, intonationssicherer und spielfreudiger denn je, sogar an das prekäre Adagio aus dem "Concierto De Aranjuz" über dessen kontemplative Klangflächen er mit wenigen Tönen seine Spannungsbögen baut und dramatische Höhepunkte zu setzen versteht. Die Rhythm Section, vielleicht die beste die es je gab, swingt wie der Teufel, und auch Hank Mobley hat einen guten Tag und liefert brillante Soli bei "Oleo, So What" und "No Blues".
Doch die Sache hat einen Haken: die Aufnahme ist übersteuert! Aus irgendeinem Grund gerieten sich der Toningenieur Teo Macero und Miles vor dem Konzert in die Haare, so dass Miles ihm kurzerhand jede Aufzeichnung untersagte. Macero hatte aber bereits alle Mikrofone in Position gebracht, auch einige versteckte, und es gelang ihm noch heimlich die Aufnahmegeräte einzuschalten, bevor er sich vom Acker machte. Niemand saß demnach am Mischpult als die Anzeigen klippten, niemand unternahm Anstrengungen die VU-Meter aus dem roten Bereich zu bringen und niemand kümmerte sich noch um die korrekte Aufstellung der Mikrofone...und so kommt es, dass bei jeder stärkeren Zunahme der Lautstärke Übersteuerungen und Verzerrungen den Hörgenuss verderben. Die rechte Balance zwischen den Instrumenten will sich ebenfalls nicht einstellen, Miles Trompete klingt meist zu laut und zu trocken, sein Mikrofon fängt kaum den Raumklang ein, während das applaudierende Publikum hingegen so weit entfernt klingt, als käme das Applaus aus einem Nebengebäude... Die Bedeutung dieser Aufnahme kann durch diese technischen Mängel aber nicht geschmälert werden, die Einmaligkeit des Ereignisses würde selbst dann noch eine Veröffentlichung rechtfertigen, wenn der Sound noch weitaus schlechter wäre.
Hervorzuheben noch das hervorragende Begleitheft, mit ausführlichen Informationen und großartigen Fotos des Events.