Der Markt birst geradezu vor Beethoven-Gesamteinspielungen, jeder Geschmack wird bedient. Welche Zielgruppe spricht nun diese Box an? Die Aufnahmen, alle mit dem phantastisch flexiblen und klangschönen Chamber Orchestra of Europe, stammen aus den 1990er Jahren. Sie klingen durch die Bank hervorragend; breites Panorama, weit gespannte Dynamik, präzise Durchhörbarkeit, solides Bassfundament, nicht zu trocken, nicht zu hallig. Publikumsgeräusche sind teils vernehmbar, jedoch nie störend. Die Klangqualität ist sicher schon einmal ein gutes Argument für diese Box.
Interpretatorisch erhalten die Freunde Nikolaus Harnoncourts das, was sie erwarten. Durchwegs sind das Interpretationen, denen man anhört, dass viel gedankliche Arbeit in die Ausgestaltung gesteckt wurde. Phrasierung und Artikulation sind durchdacht und wirken extrem natürlich, sehr viel Wert wird auf Akzente gelegt, die teils durch die sparsame, aber gezielte Verwendung historischer Instrumente (Trompeten) unterstrichen werden, die mancherorts für ungewöhnliche, aber dann sehr überzeugende pointierte Höhepunkte sorgen. Gleichzeitig atmet und schwingt die Musik jederzeit, es stellt sich kaum je der Eindruck des Akademisch-stilisierten ein. Diese Mischung aus intellektueller und emotionaler Durchdringung macht praktisch alle Aufnahmen dieser Box hörenswert, aus meiner Sicht zum Teil auch herausragend.
Bei den Symphonien sind es in Harnoncourts Interpretation besonders die großen Ungeraden, die mich mitreißen, eine sehr elastische, gespannte Eroica, eine ungewohnt tänzerische c-moll-Symphonie, eine Siebte, deren energetischer Duktus einen im Finale geradezu aus dem Sessel katapultiert, in der einen aber gerade auch das Allegretto, wunderbar gesanglich phrasiert und tief empfunden, in seinen Bann saugt, und eine strahlende Neunte mit einem großartigen, präzisen Chor, der jubelt, ohne zu schreien, und mit überzeugenden Solisten (Charlotte Margiono, Birgit Remmert, Rudolf Schasching, Robert Holl). Einzig bei der Pastoral-Symphonie trifft Harnoncourt bei sehr gemäßigten Tempi und einer für mich allzu verhaltenen Freude bei der Ankunft auf dem Lande zumindest meinen persönlichen Geschmack nicht. Die "kleinen" Symphonien 1, 2 und 8 bevorzuge ich persönlich noch etwas leichter und geschwinder, aber in jedem Fall werden sie ernst genommen und bis in jeden Winkel ausgelotet. Überhaupt sollten jene, die Harnoncourt vielleicht seltener gehört haben und von ihm als Alte-Musik-Pionier aberwitzige Beethoven-Original-Tempi und peitschende Sforzati erwarten, mit teils durchaus gemächlichen Tempovorgaben rechnen und mit einer Artikulation, die ganz zielorientiert Akzente setzt, aber nicht wahllos den Beethovenschen Furor verteilt.
Bei den Ouvertüren (Coriolan, Prometheus, Die Ruinen von Athen, Fidelio, Leonore I - III und Egmont) und in der Gesamteinspielung der "Geschöpfe des Prometheus" erwarten einen extrem befriedigende Aufnahmen, die Harnoncourts enormes Gespür für Spannungsbögen im kleinen wie im großen Drama deutlich machen.
In den Klavierkonzerten mit Pierre-Laurent Aimard geht das Konzept des atmenden, gesanglichen Zugangs für meinen Geschmack nicht optimal auf, zu bedeutungsschwer gerät mir da vieles, teils auch tatsächlich zu behäbig, für mich wird hier der Gestaltungswille zu vordergründig, schießen die Beteiligten übers Ziel hinaus. Dieser Gefahr entgeht Harnoncourt beim Violinkonzert mit Gidon Kremer knapp. Man hört nicht gerade eine spielerische, eher eine das Spannungsfeld zwischen Introspektion und Eruption durchmessende Interpretation dieses Riesenwerks der Violinkonzert-Literatur. Auch die Romanzen werden ernst genommen. Nicht meine Lieblingsinterpretation, weil ich mir zum Teil noch mehr Gelöstheit, Impetus und Vorwärtsdrang gewünscht hätte, aber sicher eine sehr gewichtige und beachtliche. Im Tripelkonzert mit P.-L. Aimard, Thomas Zehetmair und Clemens Hagen hingegen springt die Spielfreude geradezu auf mich über; da wird beseelt gespielt, aber auch so extrem beschwingt, leicht, flexibel und mitreißend, in so perfekter Abstimmung innerhalb der Solisten, aber auch mit dem Orchester, dass ich mir kaum eine bessere Aufnahme vorstellen kann, mal abgesehen vielleicht von Zinmans Einspielung mit
Bronfman/Shaham/Mörk.
Die Box findet ihren Abschluss, für mich auch ihren absoluten Höhepunkt in der Missa solemnis. Ich kenne leider nicht viele Aufnahmen dieses Werks, aber für mich erreicht Harnoncourt eine beeindruckende, ja beglückende ideale Balance aus geistiger Durchdringung, Andacht und Energie, die sich in teils durchaus forcierten, aber nie gehetzten Tempi niederschlägt, für die die Auffassung Zinmans mein persönliches Negativbeispiel darstellt. In der Tat habe ich bislang noch nie ein so entrücktes, dabei klar artikuliertes und die melodischen Zusammenhänge schlüssig beleuchtendes Violinsolo im Benedictus gehört wie dies hier von Marieke Blankestijn, der Konzertmeisterin des COE. Der Arnold-Schönberg-Chor agiert wie in der Neunten homogen, erfreulich verständlich und absolut souverän, das Orchester nimmt Harnoncourts Vorgaben traumwandlerisch auf, die Solisten Eva Mei, Marjana Lipovsek, Anthony Rolfe Johnson und Robert Holl singen mit, nicht gegen ihre Mitstreiter und fügen sich so homogen und mit dennoch charakteristischen Stimmen in das Ganze ein.
Die Box ist mit solidem Pappkarton und stabilen Einzelkartönchen für die CDs ordentlich verarbeitet, man findet alle wichtigen Angaben, einen ausreichenden Begleittext und die Texte der Vokalwerke. Alles in allem kann man mit dieser Ausgabe ein wichtiges Stück Beethoven in individuellen, überzeugenden und klanglich herausragenden Einspielungen kennen lernen und einen Einblick in die Interpretationskunst eines der wichtigsten Dirigenten der letzten Jahrzehnte gewinnen. Lohnend nicht nur für Harnoncourt-Jünger.