Dass die talentierten, innovativen und visionären Musiker im - von der Musikindustrie selbst zugrunde gerichteten - Business keinen, oder zu wenig Erfolg haben, liegt vor allem an der Tatsache, dass die Manager der Majors angesichts der zurückgehenden Verkausfzahlen von Tonträgern jetzt noch viel weniger Mut zum Risiko haben, als noch in den 15 Jahren bevor die ersten Musiktauschbörsen im Internet viele Konsumenten erreichten. So ist es kein Wunder, dass acts wie Jamie Lidell zwar Kritikerlieblinge sind, aber keine nennenswerten kommerziellen Erfolge verbuchen können, da Sie gar nicht die Chance bekommen ihre Platten großartig vermarkten zu können, weil Sie eben nur bei kleinen Labels veröffentlichen können.
So ist auch Lidells neues Album ein weiterer Beweis dafür, dass künstlerische Entwicklung und anspruchsvolle Produktionen mehr oder weniger im stillen Kämmerlein stattfinden, nahezu unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit.
Nach dem gescheiterten Versuch 2008 mit Ohrwürmwern wie ,Another Day' den kommerziellen Durchbruch zu schaffen (wobei ,Jim' aber trotzdem eine sehr sehr gut Scheibe war), besinnt sich Lidell auf ,Compass' wieder auf den Anspruch den er mit 'Multiply' für sich selbst definierte - eine, moderne Weiterentwicklung von Soul, R&B und Funk mit Songwriteranspruch im kantigen elektronischen Gewand.
Natürlich hört man hier auf allen Ecken und Enden den großen Einfluss den Prince auf Lidell hat heraus, aber das liegt in der Natur der Sache, war doch der Mann aus Minneapolis der letzte, der im Bereich der Soulmusik nennenswerte Neuerungen eingeführt hat. Lidell geht aber weiter, denn er abstrahiert Prince's Ansätze und erweitert Sie um andere Einflüsse. Dass er auch ein guter songwriter ist, verleiht dieser Platte dann auch die nötige Zugänglichkeit rund um die größtenteils sperrigen Arrangements.
Solche kitschfreien, und emotionalen Balladen wie ,It's A Kiss' oder ,She Needs Me' hat man von seinem Vorbild schon lange nicht mehr in dieser Qualität zu hören bekommen und wenn Lidell dann mit potentiellen Hit ,Enough's Enough' den Leuten bei Motown zeigt wie sich ihr 60ies Soul heute anhören müsste um zeitgemäß und frisch zu klingen, dann ist das nicht nur souverän, sondern auch wirklich völlig neu.
Natürlich kommt auch der Funk hier nie zu kurz, nur klingt der hier oft so, als ob James Brown oder George Clinton mit dem Instrumentarium von Kraftwerk oder anderen Synthiepionieren zum Tanz auffordern wollen, was dann auch wiederum neu und trotzdem irgendwie vertraut klingt.
Unterstützung erhält Lidell hierbei von Leslie Feist, Chilly Gonzales und Beck Hansen - also eh wieder mal den üblichen Verdächtigen - aber dort wo sich Gonzales wegen seiner zweifellos vorhanden Geinialität oft selbst im Weg steht, Feist zu mariniert und schwelgerisch ist und Beck sich zu sehr in der Suche nach dem perfekten Arrangements verliert, bringt Lidell all das auf den Punkt.
Das ist erotischer, bewegender, mitreissender und oft auch sehr tanzbarer Electro-Soul mit viel Funk gewürzt, der bei jedem Anhören immer mehr wächst und penetriert.
,Compass' heisst die Platte, und die zeigt allen anderen auch den Weg den Sie gehen sollten.