Aus der Amazon.de-Redaktion
Je älter Kraftwerk werden, desto spärlicher werden ihre Veröffentlichungen (zuletzt
Tour de France Soundtracks). Scheinbar haben die einstigen Pioniere der elektronischen Musik etwas Angst, sich vor ihrer Vielzahl genialer Schüler zu blamieren. Karl Bartos, ein ehemaliges Mitglied der Düsseldorfer Gruppe, scheint keine Berührungsängste mit einem sich rasant entwickelnden Genre zu kennen. Genauso wenig hat er Probleme, die Vergangenheit auf- und einzuarbeiten. Der ausgebildete Schlagzeuger gründete nach seinem Ausstieg bei Kraftwerk das Projekt Electric Music, arbeitete mit Anthony Rother, Bernard Sumner (New Order), Johnny Marr (ehemals The Smiths) oder Andy McClusky (OMD).
Für sein Solo-Album Communication nahm Bartos sich zwei Jahre Zeit, komponierte 16 Tracks, von denen sich zehn hier wieder finden. Thematisch behandelt es die Medienwelt zwischen Gewinnspielen und Gewalt, zwischen dem Medientheoretiker Neil Postman (Wir amüsieren uns zu Tode) und Andy Warhol -- der Titel des vorab schon als Single veröffentlichten Tracks 15 Minutes Of Fame drückt das deutlich aus. Musikalisch lehnt sich Bartos weit aus dem Fenster. Immer wieder greift er Kraftwerk-Themen auf. Das darf er, immerhin stammen Welthits wie "Die Roboter", "Das Model" oder "Tour de France" auch aus seiner digitalen Feder. So tanzen in "The Camera" Roboterteile zu Dancefloor-Beats. In "I'm The Message" versteckt sich das "Model"-Thema elegant in Elektroniktüchern.
Nach diesen zwei guten Stücken klaut Bartos hemmungslos bei New Order und schon ist "15 Minutes Of Fame" fertig. Naja. "Electronic Apeman" hätten Tangerine Dream auch nicht schlimmer hinbekommen können und bei "Life" schauen schon wieder New Order um die Ecke. So schlängeln sich die offenen Zitate und eine gewöhnungsbedürftige Vocoder-Stimme wie ein roter, aus unterschiedlichsten Materialien gesponnener Faden durch Kombination aus Kraftwerk, 80er-Jahre-Sounds und Moderne, bis Communication am Ende als ein recht wirres Knäuel übrig bleibt. --Sven Niechziol
Einst schrieb Karl Bartos mit Kraftwerk Musikgeschichte: "Autobahn", "Radioaktivität", "Die Mensch-Maschine", ein Klassiker nach dem anderen. Kraftwerk konnten erst kürzlich mit "Tour de France Soundtracks" zumindest das eigene Denkmal ein wenig pflegen, Bartos aber zehrt nur noch vom alten Ruhm und programmiert süßliche Melodien zum stumpfen Beat; man galt ja einmal als Techno-Erfinder. Dazu quäkt der Computer Texte, die Futurismus, Medienkritik und Technikbegeisterung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringen: "The image of the world we see/turns into another reality" - wir sind die Roboter. Irgendwann war das mal innovativ, heute aber nur noch das traurige Nachflackern einer Legende, die sich selbst demontiert. (fis)