Es wird zu einer Revolution kommen. Und Hardt und Negri analysieren die Ursachen, den Verlauf, die Zielsetzung und Alternativen. Dies allerdings nicht mit Zahlen, Daten, Statistiken, denn die findet man in ihrem Buch genausowenig wie konkrete Ereignisse, die sich datumsgenau festnageln lassen, sondern sie bieten uns eine linke Theorie, wie eine kommunistische Gesellschaft dennoch erreicht werden kann.
Einer der Schlüsselbegriffe für diese Revolution ist die biopolitische Produktion, also die intellektuelle, affektive, kognitive Arbeit. Gemeint sind damit meinem Verständnis nach vor allem auch Arbeiten rund um das Internet und der Wissenschaft.
Daß die Welt nicht nur die alternativlose kapitalistische Moderne hervorbringen kann, wurde schon früher versucht zu widerlegen. Die sozialistischen Länder des Ostblocks versuchten eine Gegenmoderne zu schaffen, die aber nur scheitern konnte, da sie sich im Innern nicht befreit hatte. Oder den Zeitpunkt der inneren Selbstbefreiung auf später verschoben. Biopolitischer Produktion in sich zu integrieren bzw. zuzulassen fiel ihnen sowieso schwer, so daß ihre Wiederauferstehung mehr als fraglich ist.
Der Kapitalismus wird aber auch nicht siegen, prophezeien uns Hardt und Negri. So wie der Sozialismus bzw. auch der Keynesianismus immer nur versuchen konnte, den Reichtum von oben nach unten zu verteilen, macht sein Widerpart in seiner aktuellen Ausprägung das Gegenteil. Neuen Reichtum kann auch er nicht schaffen, da dies nur die biopolitische Produktion kann. Diese vermag er aber nicht zu ökonomisieren und so bricht er zusammen. Die Revolution ist da.
Als revolutionäres Subjekt gegen die Macht des Kapitals nennen die beiden Autoren die Multitude (der Armen) bzw. die Menge. Und war es bei Marx vielleicht noch so, daß erst der Klassenfeind besiegt werden mußte und erst dann es möglich war, eine kommunistische Gesellschaft aufzubauen, sprechen Hardt und Negri von einer Methamorphose: Natürlich müssen sich die Leute nach außen gegen die Macht des Kapitals wehren. Nach Innen muß jedoch schon während des revolutionären Prozesses die Metarmophose stattfinden zu einer klassenlosen Gesellschaft ohne Identität. Das heißt: Durch meiner Identität als Weißer, Mann usw. und den von den herrschenden Mächtigen vorbestimmten Rollenmustern werde ich auch nach meiner Befreiung vom Kapital immer noch Sklave der alten Herrschaftsstrukturen sein, die mich von meinen Mitmenschen trennt oder in den Köpfen eine Hierarchie aufbaut.
Das Ziel der Revolution sollte es jedenfalls sein, daß nur noch sogenannte Singularitäten als Teil der Multitude übrigbleiben, die sich selbst verwalten. Und wo frühere Philosophen einen durch einen Gesellschaftsvertrag erreichten dauerhaften Frieden erreichen wollen, stehen es die beiden Autoren jedem singulären Mitglied der Multitude zu, im Konflikt seine Interessen vertreten zu dürfen.
Mein Fazit: Das Buch ist von den Gedankengängen möglicherweise schwer zu verstehen, theorielastig und auch voller Fremdworte. Deswegen ein Punkt Abzug. Ich finde aber, ich habe bei der Beschäftigung mit dem Buch auch viel gelernt. Gefallen hat mir, daß die Autoren sich für ein Grundeinkommen, für gemeinsames und kostenloses Wissen ausgesprochen haben. Und ich denke, Anhänger der Piratenpartei sowie der Occupybewegung werden auch ihre Freude daran haben.