In den acht Jahren nach der Publikation von "Im Comic vereint" von Andreas Platthaus ist in deutscher Sprache nichts Brauchbares zur Theorie des Comics erschienen, da musste man mit eher amerikazentrierten Büchern Vorlieb nehmen, jenes von Douglas Wolk ist sicherlich das wichtigste. Nun schreiben wir das Jahr 2009, und endlich endlich bekommen wir eine Aufsatzsammlung von Gewicht, dann auch noch in der Reihe text+kritik, was einer Salbung des Genres gleich kommt. Nahezu gleichzeitig erscheint dann noch die Arbeit von Ole Frahm in der Fundus-Reihe und eine denkwürdige, lohnende Doppel-Ausgabe (49/50) des Magazins Reddition - somit wiederfährt der Theorie zu erzählenden Bildern mit Buchstaben und Sprechblasen endlich Gerechtigkeit, denn erst wo die Theorie sich bildet und nicht nur Historie sein will, beginnt die wahre Blüte eines Genres oder einer Erzählform. Der Begriff der Graphic Novel hat das Medium schon Ende der 90er feuilletonfähig gemacht, was sich ab 2003/2004 deutlich verstärkt hat - und jetzt werden Werke seziert, interpretiert, in Beziehung gesetzt, ein Kanon geformt, große Verlage entdecken diese Welt und nehmen sie ernst. Vor allem wird, insbesondere in diesem Buch, die Grammatik des Comics unter die Lupe genommen. Zwar ist hierzu schon viel geschrieben worden und schon in den 70ern - so von Will Eisner - aber dieser wissenschaftliche (und gut lesbare) Zugang ist dann doch neu. "Comics, Mangas, Graphic Novels" ist in jeder Hinsicht hervorragend: Die Auswahl der Themen, die flüssige Schreibe der Autoren ohne Fan-Getratsche, die hergestellten Bezüge, die Bildauswahl, die Ausgewogenheit und Länge der Texte, die gewonnenen Erkenntnisse für mich, die neuen Kaufideen, die sich daraus zwangsläufig ergeben (z. B. bezogen auf Alberto Breccia). Praktisch kein Beitrag hat mich gelangweilt, nur derjenige über Julio Cortazar fiel aus der Reihe. Jaja, selbst dieser Prosa-Schriftsteller hat das Szenario für eine Graphic Novel verfasst.
Zunächst führt der unvermeidliche Andreas C. Knigge in die Welt der Comics ein, beginnt ganz von vorne und streift zahlreiche Seitenarme in einer über hundertjährigen Entwicklung bis hin zu Sacco und Tardi. Das Verhältnis zwischen Literatur und Comic, das autobiographische Nacherzählen, das Adaptieren selbst von Proust wird im zweiten Aufsatz mit zahlreichen treffenden Beispielen dargestellt. Der Barksche Mikrokosmos wird von Andreas Platthaus auf den Punkt gebracht. Crumb, Eisner, Tardi und Pratt, zu letzterem gab es in Siena sogar eine liebevoll gestaltete Ausstellung (2005), werden in ausführlichen Beiträgen gewürdigt, und zwar so, dass man Lust auf mehr bekommt. Dann gibt es da noch ein ausführliches Manga-Kapitel. Alan Moore, insbesondere "Watchmen" (streng genommen nur ein Kapitel!), bekommt ebenfalls einige Seiten, Pierre Christin endlich ein Gesicht (wenngleich er nicht abgebildet ist) und "Die Heilige Krankheit" von David B., bereits von Douglas Wolk in "Reading Comics" umfassend gewürdigt, wird als das Meisterwerk beschrieben und betrachtet, das es zweifelsohne ist. Ein umfängliches Gespräch mit Dirk Rehm, dem Verleger von Reprodukt, rundet den absolut unverzichtbaren Band ab. Ihn nicht gelesen zu haben und sich für Comics, Graphic Novels und Mangas ernsthaft zu interessieren, das ist nicht möglich, einfach unglaubwürdig. Die Investition lohnt sich auf jeden Fall.