Die enorme Vielseitigkeit des Kanadiers Neil Young hat mich über die vergangenen Jahrzehnte stets beeindruckt. Er überzeugt als Bandmitglied (Buffalo Springfield, Crosby, Stills, Nash & Young) und als Solokünstler gleichermaßen, sowohl in der elektrischen als auch in der akustischen Sparte. Neil Young beeindruckt dabei als Musiker und als Songwriter, besonders jedoch als Persönlichkeit. Ihn charakterisiert eine beachtliche Fähigkeit, mit Widersprüchen zu leben - als Künstler wie als Mensch.
Sein musikalisches Spektrum reicht von verhältnismäßig harmonischen Klängen im Sinne von "Harvest" bis zu geradezu brachialen Veröffentlichungen wie "Live Rust". "Comes A Time" greift eher den Faden von "Harvest" auf, wobei der Tod naher Freunde, die Scheidung von seiner Frau Carrie Snodgress, das (sicher nicht immer einfache) Leben mit Epilepsie und das zähe innere Ringen mit den Ansprüchen an sein Künstlertum und die angemessene Ausdrucksform seinen Stücken etwas "Gereiftes" geben.
Insgesamt vermittelt "Comes A Time" einen sehr geschlossenen, entspannten und zukunftsfrohen Eindruck. Fast alle Stücke werden durch Nicolette Larsens traumhaften Harmoniegesang veredelt. Man tut dem Album keinen Gefallen, wenn man einzelne Songs hervorhebt. Mit einer Ausnahme vielleicht: "Four Strong Winds", eine Komposition des Kanadiers Ian Tyson, wäre an sich Grund genug, dieses unbeschreiblich schöne Album zu kaufen.
Es ist der einzige Titel auf diesem Album, der nicht von Neil Young geschrieben wurde. Dieser Song ist ein Klassiker, etliche Male gecovert, doch selten so brillant wie hier. Wiewohl einzigartig, fügt er sich gut in den Zusammenhang von Stücken wie "Going Back", "Already One", "Human Highway" und, nicht zu vergessen, den Titeltrack "Comes A Time". Trotz Anklängen an "There's A World" und "A Man Needs A Maid" ein eher untypisches Album im ¼uvre Neil Youngs, doch eines meiner liebsten.