Wie in den alten Werken nicht nur längst vergangener Zeiten, sondern auch verschütteter Welten, die wir mit beigen Cargohosen und weißen Leinenhemden als nettes Apercü gerne noch einmal im dürftig weggeschaufelten Sande beobachten dürfen und zu den artigen und wohlfeilen Sätzen eines Archäologen eifrig nicken und gebetsmühlenartig "Pompeji, ja Pompeji" rufen, gerne Muse und Traum als Bedingung jeder dichterischen Existenz angerufen und beminnt wurden, so erhebt sich auch "Combray". Denn damit beginnt auch hier alles: Da ist der unruhig im Bett Liegende, der Träumende und damit eben Inspirierte, an dem Raum und Zeit vorbeifliegen, miteinander verquirlt, getrennt und wieder zusammen geflickt werden und irgendwann entstehen dann Räume, Dinge, Erinnerungen, Menschen und sogar Düfte. Und wir stehen davor und möchten auch gerne rufen "Combray, ja Combray", denn es ist in der Tat eine längst hinter den Horizont gefallene Zeit, aus der dort berichtet wird, in einem Stile, der diesem hier nicht ganz unähnlich ist. Der an mit Bohnerwachs genährte Salontische und Ledersessel, vielleicht auch Pfeifen und Zigarren und Herren mit gezwirbelten und gewichsten Schnurrbärten erinnert, an Herren, die mit sanfter, dennoch fester Stimme rufen "Dürfte ich wohl die Dame bitten?" und dann fährt eine Kutsche vor, der Page öffnet die Tür und man fährt hübsch davon.
Und ungefähr so schlug ich das Buch - ich ahnte ja ein wenig, was mich erwarten würde - auf und hätte am liebsten im Garten eines kleinen, wohl aber anmaßenden Landschlosses gesessen und wie der Autor ein Madeleine-Gebäck gegessen und all die schönen Dinge in mir aufsteigen lassen. Da ist das Drama des Zubettgehens des kleinen Jungen, da ist die feine Ironie an Gesellschaftsabenden, an denen ein Fruchtsaft noch schnell vor dem Eintreffen des Besuchers Swann auf den Tisch gestellt wird, damit es nicht den Anschein erwecke, als würde er nur für den Besuch aufgetragen. Da sind die geschwätzigen und alleinstehenden alten Großtanten, die nie ein Mann freite und die sich in illustren Anspielungen ihre pflaumigen Wangen röten. Jene feine Ironie ist überall, die wir so schmerzlich vermissen in den heute plump dahin geworfenen und hässlich verleimten Pappdingern, die irgendwo auf einem begrabbelten Bahnhofsbuchhandlungstisch liegen und "Hummeldumm" oder "Stieg-Larsson-Trilogie" heißen.
Nicht, dass in diesem Buche irgendetwas passieren könnte. Wir können uns nur wie Proust fühlen und an längst vergangene, darum nicht unbedingt lächerliche Tage schmerzlich denken. Durchaus gibt es hier die großen literarischen Themen: Die Liebe zur Mutter und damit die Angst vor dem Alleine-ins-Bett-Gehen, vor dem Erwachsen-Werden und damit auch vor dem Sterben. Denn ein Werk wie dieses wird in seiner köstlichen Breite, seinem Detailreichtum vielleicht nur aus einer solchen Angst heraus erschaffen. Die drei Kirchtürme, die in der untergehenden Sonne leuchten und ein arroganter Snob, der die Familie belästigt. Oder die Sentenz an die Köchin der Familie, Francoise, die trotz ihrer bäuerlichen Herkunft ein Gespür für Wesen und Interessen der Vornehmen hat, weil es ihr scheinbar über Jahrhunderte vererbt wurde. Oder der lüsterne Großonkel des kleinen Marcel, den die Frauen lieben und die Eltern verachten.
All das sind herrliche Themen und wenn man an gediegenen Tagen so etwas braucht, dann unbedingt vielleicht auch eine Tasse eines ekligen, parfümierten Tees, der mit mit abgespreizten Fingern getrunken wird, eine rote Hose, ein blaues Samtsakko und ein Piccolöchen. Denn männlich ist dieses Buch leider ganz und gar nicht, und hat man es durch, wünscht man unbedingt, mal wieder nicht zu duschen oder sonstwas zu machen. Für Freunde des Gediegenen ein herrlicher Begleiter, der unbedingt immer unter dem Seidenschal Platz finden sollte. Ich muss jetzt jedenfalls etwas Dreckiges lesen.