Nur kurz zur Einleitung: Stephen Fry ist ein Mensch, der nicht nur einen Beruf inne hat. Er ist talentierter Schriftsteller, Schauspieler, leiht seine Stimme desöfteren für Hörbücher sowie Videospiele und Filme, hat unterrichtet, Drehbücher geschrieben, Regie geführt und pflegt seine Internetbekanntschaften exzessiv z.B. über Twitter. Er gilt ausserdem als Genie und Menschenfreund, der sich unter anderem für die Rechte der Homosexuellen und die Hilfe für Depressive einsetzt.
Man denkt sich wohl: so jemand ist doch garantiert unter den besten Bedingungen aufgewachsen, wird genauso ein Genie in der Schule gewesen sein und hatte seine Mitmenschen und sein Verhalten im Griff.
Nun...dem war nicht ganz so. Und ab da wird es interessant.
Fry erzählt von einer Jugend, die nur allzu verworren scheint, wie ein Leben auf einem Drahtseil zwischen Erfolg und Versagen, auf dem er mehr als einmal stand.
Es beginnt mit dem neuen Schuljahr im Internat, als er sieben Jahre alt war und endet mit dem Erreichen des Stipendiums für eine Ausbildung in der Universität Cambridge im Alter von 18 Jahren.
In dieser Zeitspanne war das Leben des jungen Stephen Fry wohl ein einziger Wirbelsturm der Gefühle und Probleme.
In dieser Autobiographie dreht es sich um Themen wie das Schul- und Internatsleben, um Freundschaften (auch mit Mädchen), seine Homosexualität, seine erste Liebe, das Verhältnis zu seiner Familie, seine kleineren und größeren Streiche und Straftaten, das einmal daraus resultierende Leben im Gefängnis und das immer wieder auftretende Gefühlschaos emotionaler und sexueller Natur.
Wenn man das alles liest, vergisst man sogar mal, dass es sich um die Vergangenheit DES Stephen Fry handelt, auch wenn er gerne mal selbst den Leser anspricht.
Man stelle sich vor, eine ähnliche Vergangenheit würde man von der Lady Di oder von Brad Pitt lesen, man würde sich denken "Ist nicht wahr...bei IHM/IHR??". Und das macht das diese Autobiographie umso interessanter. Denn langweilig wird das Lesen kaum eine Sekunde.
Stephen Fry macht keinen Hehl aus seinen Jugendsünden, schlachtet seine Jugend soweit es seine Erinnerungen zulassen gehörig aus. Er rechnet mit einer Vergangenheit und deren Episoden ab, auf die er desöfteren - wie er öfters betont - mit Kopfschütteln, Scham oder Traurigkeit zurückblickt. Doch er versucht auch nicht schönzufärben oder zu rechtfertigen. Wenn er etwa von seinen kleptomanischen Phasen berichtet (wie er jahrelang gekonnt und heimlich Mitschüler, Lehrer, die Eltern und sogar ältere Bekannte bestohlen hatte), sagt er selbst, nichts könne all dies rechtfertigen. Eine dieser Diebestouren mündet am Ende in einen Auftritt vor Gericht und in einem Gefängnisaufenthalt, wovon er ebenfalls detailiert berichtet.
Apropos detailiert: Frys Erinnerungen sind gar nicht mal so lückenhaft. Ausführlich beschreibt er Freund und Feind aus der Vergangenheit (natürlich mit geänderten Namen), Orte wie seine Familienresidenz, seine diversen Internate, Geschehnisse und kulturelle Einflüsse, die seine berufliche Laufbahn wohl ausgiebig prägten.
Dies erleichtert dem Leser, sich die Umstände des Aufwachsens im England der 1960er und 1970er Jahre vorzustellen und die Identifikation mit Fry.
Darüber hinaus gibt er lustige und weniger lustige Anekdoten zum Besten (mein Favorit: der "perfekte" tote Maulwurf für den Naturkundeunterricht) und gibt seine Meinung aus heutiger Sicht zu den Episoden seiner Kindheit weiter, z.B. als er sich bewusst wurde, dass er schwul war. Dabei wird er nicht müde, sich auch an kritische Stimmen zu richten, die etwa die Homosexualität mit "Hilfe" der Bibel zu verteufeln und wirft ihnen beispielsweise entgegen, sie sollten sich wenigstens dann konsequent an alle Weisungen der Bibel richten, wie etwa die koscheren Speisegesetze, das Vermeiden menstruierender Frauen und vor allem das Gebot "Du sollst nicht töten". Jeder denkende Mensch wird Fry sicher zustimmen können. Textpassagen wie diese beweisen aufs Weitere die Wort- und Denkgewandtheit des Autors.
Garniert wird das Werk mit einer kleinen Auswahl an alten Fotos aus den Jahren der Kindheit und Jugend, auf die er hin und wieder auch mal im Text eingeht.
Übrigens: das letzte Bild zeigt eine relativ bekannte Aufnahme von Stephen Fry und Hugh Laurie aus dem Jahre 1980, wie sie damals in Cambridge Schach spielten. Zwar wird dieses Bild gezeigt und in einigen Nebengeschichten erzählt Fry von seinem Schauspielerkollegen und Freund Laurie, doch Fans von Laurie muss ich leider enttäuschen: wie die beiden überhaupt Bekanntschaft geschlossen haben, wird nicht erläutert (hat es Fry vergessen? Wer weiss...)
Mein Fazit: "Columbus ist ein Engländer" (Originaltitel: "Moab is my Washpot") ist ohne Zweifel eines der besten Bücher, die Stephen Fry je geschrieben hat. Es rührt, es berührt, es spricht einen an und manchmal auch aus der Seele, es führt den Leser ein Stück weit in seine Welt ein und regt einem auch desöfteren und Schmunzeln und sogar zum Lachen an, ohne aber dabei auf dunklere Kapitel des Lebens zu verzichten, mit denen der eine oder andere sicher auch zu tun hatte.
Für Fans und Interessierte unverzichtbar.