40 Jahre nach John Coltranes Tod im Juli 1967 legt der Jazzkritiker der New York Times, Ben Ratliff, ein Buch über den Tenorsaxofonisten mit dem Untertitel "Siegeszug eines Sounds" vor. Der Untertitel deutet an, worum es dem Autor geht, nämlich nicht um eine Biografie des Musikers, sondern um die Nachzeichnung der Entwicklung dessen, was Ratliff für das Wesentliche in Coltranes Musik hält, den Sound. Ob dies jedoch ein Siegeszug war, lässt sich angesichts der oft kontrovers diskutierten musikalischen, indes von tiefer spiritueller Einsicht geprägten Eruptionen in der Spätphase von Coltranes Schaffen bezweifeln.
Dieses lässt sich in etwa 4 Phasen einteilen:
1. Frühphase bis etwa 1955:
Coltrane spielt zunächst Altsaxofon mit Johnny Hodges als Vorbild, Engagements in Big Bands wie etwa Dizzy Gillespie oder Earl Bostic. Wechsel zum Tenorsaxofon.
2. Phase des Suchens bis etwa 1960:
Mitglied des ersten. klassischen Miles Davis Quintetts/Sextetts; dazwischen für einige Monate Engagement im Thelonious Monk Quartett. Zahlreiche Aufnahmen für die Labels Prestige, später Atlantic (vor allem Giant Steps). Drogenentzug und Beginn von Coltranes Spiritualität.
3. Phase des "klassischen" Coltrane Quartetts (mit McCoy Tyner p, zunächst Steve Davis, dann James Garrison b, sowie Elvin Jones dm) bis 1965.
Einspielung von "My Favourite Things" (Atlantic) mit Einführung des Sopransaxofons in den zeitgenössischen Jazz. Danach Wechsel zu Impulse Records, Coltranes eigentlichem Heim, mit Bob Thiele als idealem Betreuer.
4. Spätphase bis zum Tod.
Zunehmende Bedeutung der spirituellen Aspekte in Leben und Werk mit "Love Supreme" (Impulse; Dez. 64) aus Ausgangspunkt. Neues Quintett mit Pharoah Sanders ts,fl Alice Coltrane p, Garrison b und Rashied Ali dm. Abkehr von tradierten Harmonie-, Klang- und rhythmischen Mustern.
Ratliff gliedert sein Buch in zwei Teile:
Zum ersten zeigt er die eigentliche musikalische Entwicklung Coltranes und deren Auswirkungen auf die damals aktuelle Szene auf. Umgekehrt vermerkt er die Eindrücke die Coltrane seinerseits von aussen aufnahm und in seine Musik einfliessen liess.
Der zweite Teil ist der Bedeutung der musikalischen Hinterlassenschaft Coltranes, ausstrahlend bis in die Gegenwart, gewidmet. Darin eingebettet nimmt die Diskussion um die insbesondere vom Chefideologen Wynton Marsalis eingeführte und zu Recht umstrittene Kanonisierung des Jazz einen gewissen Raum ein. In Marsalis' Wahrnehmung ist der Schlusspunkt in Coltranes Werk ohnehin spätestens mit "Love Supreme" gesetzt.
Das Buch endet in einem Interview mit dem Saxofonisten Marcus Strickland (Jg. 1979) darüber, wie in einem jungen Jazzmusiker Coltrane nachklingt.
Leider ist es in Details (Namensschreibung u.ä.) etwas schlampig geraten. Schwerer wiegt das Fehlen jedweder Diskografie, zumindest jener Alben, auf die im Text näher eingegangen wird.
Dennoch gehört es in die Bibliothek eines jeden, der sich einigermassen ausführlich mit dem Werk eines der grössten Musikers des 20. Jahrhunderts befasst. Es wäre zu wünschen, dass auch die an eine eurozentrische Sicht auf die kulturelle Welt gewöhnten Europäer dies in grosser Zahl täten.