Obwohl Rudyard Kipling Ende des 19. Jahrhunderts als ein zweiter Charles Dickens und englischer Jahrhundertautor gefeiert wurde, ist er als Schriftsteller heute fast vollständig in Vergessenheit geraten: In den Läden findet man ihn bestenfalls noch bei den Klassikern oder in der fremdsprachigen Abteilung, und nur die wenigsten Kinder wissen, wessen Feder die Vorlage zu dem wohl berühmtesten aller Disney-Filme lieferte. Wenn heute sein Name fällt, dann spricht man von ihm in erster Linie als Imperialist, als Reaktionär, sogar als Rassist; in jedem Fall nicht als Poeten.
Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass Kiplings umfangreiches lyrisches Werk (dank des kompakteren Formats wohl noch stärker als seine Romane) von einem unerschütterlichen Glauben an die britische Kolonial-Mission erfüllt ist, und damit einen Zeitgeist widerspiegelt, der heute, um es vorsichtig zu formulieren, als überholt gilt. Inhaltlich sind sie ebenfalls nicht besonders anspruchsvoll (in dem kritischen Essay von George Orwell, der dem Band vorangestellt ist, schreibt er, Kiplings Gedichte hätten ebenfalls als Texte für Marschlieder durchgehen können), dennoch liegt man falsch, wenn man behauptet, Kipling habe als Dichter nur nationalromantischen Schmonsens produziert: Zum einen machen die Gedichte, die tatsächlich einen streitbaren Inhalt aufweisen (z.B. The White Man's Burden) nur einen minimalen Bruchteil seines Gesamtwerks aus, zum anderen hat Kipling geschafft, was eigentlich eher Wladimir Majakowski nachgesagt wird, nämlich die hohe Kunst der Lyrik von ihrem Podest herunterzuholen und auch für ein gewöhnliches Publikum verfügbar zu machen: Die Figuren seiner Lyrik sind keine weltschmerzgeplagten Kopfmenschen, sondern junge Männer, die wissen, was sie vom Leben wollen; die Gedichte spielen nicht in Ballsaal oder Kirche, sondern im Soldaten-Biwak oder in fremden Ländern, hier geht es nicht um Weltschmerz, sondern um das Leben an seiner Wurzel.
Nach einiger Zeit wirken Kiplings Verse ermüdend und sogar vulgär, im Großen und Ganzen halte ich diese Gedichte jedoch für ehrlicher und nachvollziehbarer als zehn Bände überemotionaler Schwulstlyrik. Und nicht nur das: Insbesondere nach Lektüre dieser Gedichte halte ich es für müßig, Kipling als reaktionären Imperialisten abzustempeln: Er war lediglich das Produkt, das Sprachrohr und der Chronist seiner eigenen Epoche, Die Beliebtheit, derer er sich zu Lebzeiten erfreute, kam nicht von ungefähr, und auch wenn er vielleicht selbst an das geglaubt haben mag, was er schrieb, wage ich zu behaupten dass er diesen Glauben mit dem Großteil seiner Landsleute teilte.
Diese Gedichte sind bis zuletzt hochdiszipliniert in Form, Vers- und Reimstruktur (wovon man ja bei sogenannter Avantgardistischer Lyrik heutzutage nur träumen kann), sie ist gänzlich frei von Sentimentalität, und mit ihrem Lob der Tugenden Disziplin, Zähigkeit und Aufopferung ideal für ein männliches Publikum, das mit Gedichten noch nie viel anfangen konnte.
Lesetipps: The English Flag, Recessional, Manderlay, Ulster 1912, My Boy Jack (gewidmet Kiplings gefallenem Sohn John) und natürlich das allseits beliebte If