Eines muss man wohl sagen: Diamond ist ein begnadeter Beobachter. Die Fallbeispiele im Buch profitieren davon, dass der Autor nicht nur intensiv Fakten recherchiert, sondern diese durch eingen Beobachtungen ergänzen kann, die einem weniger aufmerksamen Betrachter in der Regel entgehen. Ein Deja Vu für mich: Die intensive, aber seit Jahrhunderten nachhaltige Waldwirtschaft in Deutschland wird im Buch sehr gelobt. Wie grün Deutschland eigentlich ist, habe ich erst nach dem Besuch einiger Länder in Asien und Amerika verstanden. Auch die Tatsache, dass fast jede Landschaft, der wir auf unserem Planeten begegnen, von Menschen gemacht, zumindest aber beeinflusst ist, schafft der Autor hier Aufmerksamkeit. Es ist schon erstaunlich, wie der Mensch als - scheinbar - überlegene Tierart ein Monopol auf die Gestaltung der Welt errungen hat.
Auch sehr spannend ist im Buch die Beschreibung der untergegangenen oder noch existierenden Kulturen als Formen der Bewirtschaftung von Land. Lebensumstände von Wikingern und Bewohnern der Osterinsel, von Majas und Ruandern werden klar. Tatsächlich habe ich einige der Lebensweisen bisher nirgendwo so lesbar dargestellt gefunden. Insofern waren auch die meisten der über 500 Seiten des Buches gut lesbar.
Schwächen bis hin zur Naivität zeigt das Buch jedoch aus meiner Sicht dann, wenn es um die Bewertung politischer und gesellschaftlicher Vorgänge geht. Hier ist der Höhepunkt sicherlich die Deutung des Völkermordes in Ruanda vor dem ökologischen Hintergrund, sowie die scheinbar durch eine "gut funktionierende" Diktatur intakte Landschaft in der Dominikanischen Republik im Gegensatz zu Haiti. Hier scheint mir der Autor die Motivationen der Handelnden nur unvollständig zu verstehen und zu erfassen, und dadurch kann beim Leser der Eindruck entstehen, dass hier Ökologie zu einem Argument für undemokratische Regierungsformen beiträgt. So kann die Rettung der Welt wohl doch nicht aussehen, Ökodiktatur bleibt Diktatur.
Die Defizite in der Bewertung der gesellschaftlichen und politischen Vorgänge finden sich leider auch in der Erklärung des Untergangs bzw. Überlebens der im Buch dargestellten Kulturen wieder. Der Autor verfolgt hier ein sehr einfaches Modell mit weinigen Faktoren, die die Komplexität von menschalichen Gesellschaften nicht wiedergeben. Es gibt einfach nicht nur ein halbes Dutzend Parameter, die über das Überleben entscheiden. Beispielsweise ist das Scheitern einer Gesellschaft wie der Europäischen Antike und Roms bereits seit Jahrhunderten umstritten. Und Erklärungen mit Schwerpunkt Ökologie können hier gerade nicht überzeugen. Aber selbst die durch Diamond selbst gewählten Beispiele sind umso schlechter erklärbar, umso größer und komplexer die genannte Gesellschaft ist. Wirklich überzeugend fand ich seine Analyse nur im Fall der Wikinger in Grönland, und hier stellt sich selbst Diamond die Frage, ob man gegen den Klimawandel hätte erfolgreich gegensteuern können.
Sobald es um die Analyse der Vorgänge geht, liest sich das Buch auch weit weniger spannend, es wird langatmig und der Autor verliert viel Zeit damit, seine Gliederung zu erklären und seine Thesen einfach zu wiederholen. Hier wäre weniger mehr gewesen, wirklich überzeugende Argumente sind aus sich heraus verständlich, man muss sie dazu nicht permanent in ein vereinfachtes Weltbild zwängen.
Fazit: Wichtige Fakten, aber kein wichtiges Buch.