Endlich ist es da. Das Debüt-Album vom neuen Hip-Hop Messiah, vom "Saviour of Hip-Hop". Nicht selten wurde Jermaine Lamarr Cole dieser Titel zugesprochen. Dabei ist er eigentlich der normalste Junge der Welt. Geboren in Frankfurt, wuchs er in Fayetteville auf, ein Ort, in den er mit 8 Monaten gezogen ist. Kein Ghetto, keine familiären Probleme, gute Noten in der Schule und ein Diplom mit einer Bewertung von magna cum laude.
Vielleicht stellt er für viele gerade deshalb die Zukunft des Raps dar. Denn die neue Generation von Rappern kommt nicht mehr aus den Ghettos. Sie sind Leute wie du und ich, die einfach mit einem musikalischen Talent gesegnet sind, und das der Welt mitteilen wollen. Halt solche Leute wie J. Cole.
Doch Talent, wie es Cole in seinen Mixtapes "Warm Up" und "Friday Night Lights" offensichtlich präsentierte, kann neben einem Signing bei Jay-Z's Roc Nation auch zu völlig abnormen Erwartungen an sein Debüt führen. Den ersten Rezensionen um dieses Werk sieht man dies auch an - "Kann die Erwartungen nicht ganz erfüllen". Aber wenn man einen Instant Classic erwartet, der das Hip-Hop-Game für immer verändert, kann man lange warten. Denn sowas stellt sich erst nach einiger Zeit heraus. Cole sagte einmal selber, dass es mehrere Jahre braucht, um festzustellen, ob ein Album ein Klassiker ist, oder nicht. Wenn man es dann nach 5 Jahren immer noch hört, kann man es getrost als solchen bezeichnen.
Also jetzt mal gar nicht über den Wert dieses Werkes für das Game spekulieren, sondern es einfach mal bewerten, was uns Cole da abliefert. Das Album fängt für ihn typisch mit einem ruhigen, von einem Klavier unterlegtem Intro an, in dem Cole die Zuhörerschaft auf die Geschichte einstimmt, wie er gesignt wurde. Diese erfolgt dann mit "Dollar and a Dream III". Auf einem großen, leicht melancholisch angehauchten Instrumental, auf dem Cole sich sowohl flow- als auch texttechnisch großartig entfaltet. Zu bemerken bei der Tracklist ist, dass Cole 12 von den 16 Tracks selbst produziert hat. Das Ergebnis lässt sich absolut sehen. Es lässt sich eindeutig ein roter Faden in den Instrumentals erkennen, aber trotzdem wird genügend Abwechslung geliefert, sodass nie Langeweile aufkommt.
Cole's größte Stärke hierbei sind die Songs, die in die Kategorie "Story-Telling" fallen. Songs wie "Lost Ones" oder der iTunes-Bonussong "Daddy's Little Girl" erzählen ihre Geschichten so mitreißend und emotional aufrichtig, dass es keiner Wortspielereien bedarf, um große Zeilen zu schreiben. Ohne seine Schwächen, seine Ängste zu verstecken rappt Cole von seinem und unseren Leben. Denn er ist kein Superstar in dem Sinne. Er spricht auch deshalb Dinge an, die man nur allzu gut nachempfinden kann - "We all the same, on different teams, but it's all a game". Aber nur solche Songs wären ja irgendwie auch langweilig, weswegen er uns, um das ganze ein wenig aufzulockern, Tracks liefert wie "Can't Get Enough", die zweite Single, in der es einfach um Frauen geht. Aber durch den extrem ansteckenden Beat, dem Trey Songz regelmäßig im Refrain das Sahnehäubchen aufsetzt, ist das mehr als verzeihbar. "In the Morning", welches im Wesentlichen dasselbe Thema behandelt wiederum überzeugt durch seine unglaublich smoothe Produktion, die Cole aber ein bisschen besser zu benutzen weiß als sein Gast Drake.
Und auch wenn er beim ersten Hören so gar nicht in das Album passen wollte, hat sich "Mr. Nice Watch" schon nach den ersten paar Durchläufen fest im Gehörgang verpflanzt. Auf einem sehr synthetischen Beat (der einzige dieser Art) spitten Cole und sein Mentor Jay-Z zu Recht selbsterhöhende Strophen, die mit einigen Seitenhieben an solche versehen sind, die nicht an Cole glauben wollten.
Der einzige Kritikpunkt, der bleibt, ist das Fehlen einer richtigen Single neben "Can't Get Enough". Denn die erste Single "Work Out" wurde bereits zum Bonus-Track degradiert, hat sich auch nicht angefühlt wie eine richtige Single und der Rest ist zwar gut, sehr gut sogar, meistens gar großartig, aber wie Singles klingen die Songs auch nicht. Aber das soll gar nicht mal so stören, denn trotz alledem ist "Cole World: The Sideline Story" ein rundum gelungenes Album. J. Cole hat seinen Platz im Game gefunden, und ich bin schon sehr gespannt, was in den nächsten Jahren noch so von ihm kommen wird. Auf jeden Fall wird er ganz oben mitspielen. So viel steht fest.
Nun noch meine Favouriten:
1. Can't Get Enough - Einfach ein Gute-Laune-Lied erster Güte. Trey Songz macht einen fantastichen Job und Cole rappt sehr energetisch und doch sehr cool.
2. Lost Ones - Eine sehr ergreifende Geschichte über Abtreibung, die beide Standpunkte beleuchtet. Die musikalische Untermalung ist natürlich auch hier sehr gelungen.
3. Mr. Nice Watch - Der mit Abstand härteste Song auf dem Album. Aber auch das klingt nie gezwungen, sondern sehr souverän. Von beiden.
4. In the Morning - Einer der chilligsten Songs, die mir auf Anhieb einfallen. Entspannter geht es kaum.
5. Dollar and a Dream III - Ein großartiges Instrumental trifft auf einen großartigen Text - der perfekte Einstieg.
Natürlich kann ich jetzt noch nicht sagen, ob "Cole World" auch in 5 Jahren noch meine Playlists dominieren wird, aber zur Zeit tut es das jedenfalls. Und meine persönlichen Erwartungen erfüllt es voll und ganz. Und auch wenn es wahrscheinlich nicht das Album des Jahres ist, kriegt es eine uneingeschränkte Kaufempfehlung.