Selten hat mich ein Buch derart gefesselt wie Clive Barkers "Coldheart Canyon". Praktisch von der ersten Seite an wird man wie von einem Magnetfeld in die Geschichte des fiktiven Actionstars Todd Pickett gezogen, der nach einer mißlungenen Schönheitsoperation in einer abgelegenen, vergessenen Hollywood-Villa unterschlüpft und nicht ahnt, daß er sich auf der Schwelle zur Hölle niedergelassen hat. Schon bald begegnet er dem bösen Geist des Hauses in Gestalt der ewig jungen, wunderschönen Katya Lupi, einem ehemaligem Stummfilmstar, die ihn maßlos fasziniert und mit der er in eine abgeschlossene Welt aus vermeintlicher Liebe, fetischhafter Erotik und blankem Schrecken eintaucht. Er scheint unrettbar verloren, bis Tammy, eine übergewichtige Mittdreißigerin und Präsidentin seines Fanclubs, beherzt eingreift.
Mehr sei an dieser Stelle nicht über die Handlung verraten. Von der ersten Szene, die eine gewisse Verwandtschaft mit der Eröffnungssequenz des "Exorzisten" besitzt, bis hin zum mystisch-ätherischen Finale und dem gelösten Epilog, läßt Barker keinerlei Langeweile aufkommen, türmt vielmehr Idee über Idee und erschafft eine eigenartige, faszinierende Landschaft der Hölle (und das ist durchaus wörtlich gemeint). Parallel dazu zeigt er die weltliche Hölle des modernen Hollywood mit all ihrem Stumpfsinn und Materialismus, ihrer Oberflächlichkeit, Falschheit und Perversion. Wenn nur die Hälfte davon der Realität entspricht, kann sich jeder Normalbürger glücklich schätzen, nicht in den zweifelhaften Genuß einer Hollywood-Karriere gekommen zu sein. Barker scheut dabei nicht davor zurück, zahllose lebende und verstorbene Hollywood-Größen in die Handlung einzubauen, und die wenigsten kommen dabei gut weg. Als Leser weiß man bald nicht mehr, welche der beiden Höllen die Schlimmere ist. Die im Colheart Canyon läßt sich immerhin bekämpfen.
Das Buch ist sicher kein Stoff für Zartbesaitete, und es ist auch keine klassische Spukgeschichte mit knarrenden Dielen und unheimlichen Vorfällen, wie sie etwa Shirley Jackson in ihren Romanen schildert. Die überbordende, erotisch und mystisch/religiös durchsetzte Phantastik von Clive Barker ist vermutlich auch nichts, was den abgehärteten Horrorfreak hinter dem Ofen hervorlockt. Zu wenige detaillierte Grausamkeiten finden sich in dem fast 900 Seiten langen Werk, um hartgesottenen Splatterfans mehr als ein müdes Lächeln zu entlocken. Dennoch setzt Barker wohldosierte und durchaus drastische Ekelmomente ein, um den morbiden Charakter der Geschichte zu verstärken und dem Werk jede Jugendbuchhaftigkeit zu nehmen. Auch die ebenfalls vorhandenen, aber nicht dominanten pornografischen Momente machen Coldheart Canyon zu einem sehr erwachsenen Buch. Diese sind bei weitem nicht so zahlreich und raumgreifend wie in einigen Rezensionen behauptet wird und konzentrieren sich im Wesentlichen auf den Teil "Begierde" (einen von insgesamt elf). Zumal sie ebenfalls der Geschichte dienen und nicht selbstzweckhaft eingesetzt werden. Dennoch ist es starker Tobak, was Barker an Sex, Gewalt und Ekel einstreut!
Was die Konstruktion des Romans anbelangt, ist es wahrscheinlich der einzige von Barker, bei dem der oft beschworene (und meist unsinnige) Vergleich mit Stephen King greift. Die Konzentration auf relativ wenige Hauptfiguren und Orte (im Gegensatz zu den ausufernden Büchern "Gewebte Welt" und "Imagica") tut der Dichte des Stoffes gut und unterstützt die Charakterisierung der Personen, die hier viel plastischer und psychologisch glaubwürdiger ausgefallen ist als in seinen anderen Büchern. Auch die Parallelwelt der Höllenlandschaft erinnert an Stephen King, zumindest an den Dunklen-Turm-Zyklus und angegliederte Werke.
Stilistisch ist Barker meist auf der Höhe, auch wenn man dem Werk an einigen Stellen die schwierige Entstehungsgeschichte, von der Barker in den Danksagungen berichtet, anmerkt. Die ersten ca. 400 Seiten sind furios und sehr flüssig, sprachlich zum Teil sehr schön gestaltet, doch nach der ersten Flucht von Todd und Tammy aus dem Canyon fallen sowohl die Spannungskurve als auch die Sprachqualität ab. Zum Glück währt diese Antiklimax nicht lange und das Buch nimmt wieder Fahrt auf, wobei man sich ständig fragt, was um alles in der Welt jetzt noch kommen könnte. Doch Barker ist immer für ein originelles Ende gut, und das von Coldheart Canyon ist ganz anders, als man es erwartet. Regelrecht poetisch fällt dann die letzte Seite aus, die die Geschehnisse im Canyon in die Perspektive geologischer Zeiträume rückt. Coldheart Canyon ist ein Fiebertraum von einem Buch, der einen auch nach dem Beenden nicht so leicht los läßt.
Schade, daß dieses Meisterwerk nur noch gebraucht erhältlich ist.