Nur ein paar Worte und ein paar Töne ergeben diese zehn kleinen, einfachen Lieder auf "Cold Spring Harbor", die zusammen nur gerade einmal dreißig Minuten lang sind. So konfus und von Hürden gesäumt der Weg der Entstehung zu diesem eigentlich ersten Album von Billy Joel auch war, bis es denn tatsächlich so klang wie man es jetzt hören kann, so wunderbar klar ist das Ergebnis. Nur ein paar Worte und ein paar Töne und doch so unendlich viel mehr!
Ziemlich genau zwei Jahre bevor Billy Joel 1973 mit der LP "Piano man" bei Sony Music debütierte, veröffentlichte er bei dem Mini-Label Family-Productions sein erstes Album. Benannt nach einer kleinen Ortschaft im Norden von Long Island/New York, in deren Umgebung Joel aufwuchs, erschien mit "Cold Spring Harbor" im November 1971 ein ziemliches Klang-Desaster.
Schuld daran waren nicht etwa die musikalischen Qualitäten des damals 22jährigen und noch weniger sein Talent Songs zu schreiben, beides war damals schon überragend. Nein, verursacht wurde das schauderliche Ergebnis, was damals auf Vinyl gepresst in die Plattenläden kam (und beharrlich dort liegen blieb), durch kolossalen Dilettantismus seitens der Tontechniker und letztlich nicht nachzuvollziehender Ahnungsferne der semi-professionellen Plattenfirma. Beim mastern der Aufnahmen wurde versehentlich und bis zur Pressung unbemerkt ein wenig das Tempo erhöht, so dass sämtliche Lieder in zu hohen Geschwindigkeiten zu hören waren... Joel klang wie ein gehetzter Kastrat der mit irrwitzigem Tempo die Songs ins Piano hämmerte, um den letzten Bus noch zu kriegen.
Wenn die Verantwortlichen damals offenbar ihren Job auch handwerklich nicht verstanden, hatten sie wohl zumindest ein Gespür für außergewöhnliche Talente, denn sie schwatzen dem jungen Billy Joel vor der Produktion einen Vertrag über zehn Alben auf. Glücklicherweise konnte dieser nach der Katastrophe durch Entgegenkommen vom Big-Major Sony, wo Joels Potential inzwischen auch erkannt wurde, gelöst werden. Schon das oben erwähnte nächste Album erhielt weltweit die Beachtung, die es verdiente.
Doch das substanziell gute, nur leider völlig verhunzte "Cold Spring Harbor" fristete weiterhin ein Schattendasein, während Joel nach "Piano man" (1973), auch mit "Streetlife serenade" (1974) und "Turnstiles" (1976) und mehr noch mit "The Stranger" (1977) und "52nd Street" (1978) Klassiker in Reihe veröffentlichte und zu einem der weltweit bedeutendsten und erfolgreichsten Pop-Singer-Songwriter konstant aufstieg.
Erst 1983, als Billy Joel dem aufkommenden Plastik-Sound der Pop-80's erfolgreich trotze und weder an Qualität noch Status einbüßte, wurde die Rehabilitation seines untergegangen Debüts in Angriff genommen (angeblich ohne sein Mitwirken).
Die alten Bänder wurden entstaubt, die ursprünglich üppigere Orchestrierung weggelassen, bei zwei Songs ("Everybody loves you now" und "Turn around") dezent ausgebessert (neue Schlagzeug-Einspielung bei beiden und bei letzterem eine zusätzliche behutsame Keyboard-Fläche) und alles in richtigem Tempo gemastert. Ansonsten blieb alles so, wie es 1971 aufgenommen wurde und wie es hätte eigentlich klingen sollen - nur reduzierter, im positiven Wortsinn schlichter.
So erschien 1983 letztlich ein nachgereichtes und nachbearbeitetes Debüt-Album, was durch Klarheit und die Eindringlichkeit seiner einfachen Umsetzung, fast ausschließlich Piano und Stimme, in Billy Joels Katalog einen Sonderstatus einnimmt und darüber hinaus ein stilles Meisterwerk geworden ist.
Schon das erste Lied "She's got away" steht späteren Piano-Balladen made by Billy Joel um nichts nach und nimmt einen festen Platz ein in der Liste der 100 besten Popsongs die jemals in meine Ohren drangen. Nicht zuletzt durch die Reduktion der Arrangements auf Piano und Stimme mit ein wenig Klang-Garnitur ist der Charakter der gesamten Platte sehr balladesk und gipfelt in dem wunderbaren textlosen "Nocturne", ein knapp dreiminütiges Klavierstück das keiner Worte bedarf - tief und schön.
Mit "Everybody loves you now", einer der wenigen dynamischen Songs des Albums, ist neben dem bereits erwähnten "She's got away" noch eine zweite Nummer auf "Cold Spring Harbor", die bis heute, gut vierzig Jahre nach Erstveröffentlichung, regelmäßig in den Setlisten von Joels Konzerten auftaucht, und so mit den Jahren, trotz der Erfolglosigkeit des Albums, doch noch zum Hit wurde.
Da "Cold Spring Harbor", trotzt der Restauration, bis heute das Billy Joel Album mit den deutlich geringsten Verkaufszahlen ist, gibt es offenbar sehr viele Menschen die (fast) alle Alben von ihm ihr Eigen nennen und dieses bisher ausließen. Sollten Sie dazu gehören, schließen Sie die Lücke! Ihnen entgehen sonst dreißig wundervolle Minuten Musik, die ersten Schritte eines großartigen Musikers, dessen liedschreiberisches Talent hier gerade durch die simple Struktur der Lieder schon voll zur Geltung kommt!
Nur ein paar Worte und ein paar Töne, doch so wie er sie anordnet, mit einer atemberaubenden Kraft.