Ich habe mir Cold Prey vor einiger Zeit "blind" gekauft. Nachdem er einige Wochen bei mir ungesehen im Regal lag, schmiss ich ihn für einen gemütlichen Slasher-Abend ein und machte damit auch meine ersten Erfahrungen mit dem norwegischen Genre-Kino. Was ich mir von dem Film versprochen habe: Eine ruhige Kiste, weder sonderlich schockierend, noch mit überraschend hohem Gore-Gehalt, aber bitte mit der entsprechend düsteren Stimmung im noch unverbrauchten Setting zwischen schneeverwehten Bergen. Also mit Speis und Trank ab auf die Couch...
Zuerst fiel mir das außergewöhnlich gute Intro auf, was die Erwartungen schonmal hoch schürte. Was dann kam hat diese nicht nur ge- sondern auch übertroffen. Was Roar Uthaug hier geschaffen hat ist ein großartiger, bodenständiger Beitrag zum Genre-Kino ("Slasher").
Was ist damit genau gemeint?
Der Film verwehrt sich nahezu vollkommen dem Trend, dem unser neuzeitliches (Heim- und Leinwand-)Kino folgt (exklusive der Ausnahmen, die man entweder durch Zufall findet oder, wenn man weiß wo man zu suchen hat). Er prahlt nicht damit "noch blutiger", "noch gruseliger" oder gar "zu hart für das Kino" zu sein. Damit möchte ich keinesfalls die Filme, welche damit werben kritisieren. Ich selbst bin großer Splatter-, Gore- und Horrorfan - es geht nur darum den Unterschied und das, was Cold Prey besonders macht heraus zu kristallisieren.
Der Film legt einen sehr großen Wert auf die Darstellung der Charaktere und deren Entwicklung. Insbesondere Ingrid Bolsø Berdal und Tomas Alf Larsen bringen diese Veränderung im Laufe des Films fantastisch rüber. Die von ihnen dargstellten Personen Jannicke und Eirik sind ein sehr gutes Beispiel für die im Film unterschwellig fortschreitende Entwicklung. Wie sehr man durch diese einen emotionalen Bezug zu den Protagonisten herstellt wird erst später klar, wenn die Situation anfängt zu eskalieren. Aber auch alle anderen Schauspieler sollen hier gelobt werden - sie alle spielen Ihre Rollen sehr lobenswert.
Gefallen haben mir auch die Dialoge. Weder sind sie besonders gut, noch ansatzweise schlecht. Sie schaffen es jedoch die jeweilige Stimmung mit zu tragen, sodass die anfängliche locker flockige Stimmung wie auch die spätere Panik sehr gut rüber gebracht werden. Aber eben auch auf die bereits erwähnte bodenständige Art und weise ohne Übertreibungen oder Klischees. Das macht sie in dem Genre-Bereich in dem wir uns mit Cold Prey bewegen fast schon wieder besonders.
Außergewöhnlich ist - wie schon oben erwähnt - das Setting des Films. Die verschneite Landschaft, das Hotel im Nirgendwo und die Geschichte, die sich dahinter verbirgt: All das fügt sich wunderbar zusammen und erzeugt eine schöne Gruselstimmung, die einen jedoch nie das fürchten lehrt (was jedoch nicht dafür spricht den Film mit der evtl. ängstlichen Freundin zu schauen...das kann dann doch daneben gehen).
Dann sei da noch der Mörder. Hier sei ein Kritikpunkt angebracht. Leider erst zum Ende hin wird klar, dass der Film hier noch einiges Potential nach oben hin gehabt hätte; insbesondere, was die Charakterdarstellung betrifft. Läuft der Mörder die ganze Zeit als komplett vermummte Gestalt herum, sodass man lediglich (aber mit großer Sicherheit) vermuten kann, dass er etwas mit der Geschichte des Hotels zu tun hat, tun sich zum Ende des Films emotionale "Abgründe" auf, die einen mehr überraschen, als so mancher Schreckmoment.
Zum Abschluss sei zusammenfassend zu sagen, dass der Film (oberflächlich betrachtet) nicht überrascht noch besonders ist. Ein Film, der viele bekannte Zutaten benutzt (den einen oder anderen Schockeffekt, etwas Blut, eine Gruppe Jugendlicher,...blablabla) und insofern das Rad nicht neu erfindet. Vielmehr ist er wie ein guter Wein, der erst im Abgang seinen ganzen Geschmack und die Feinheiten offenbart - und um die geht es hier letztendlich. Wo andere Filme sich durch Extreme auszeichnen und insofern zunächst sehr viel offensichtlicher Ihre Wirkung entfalten, muss man Cold Prey Zeit lassen.
Wenn nicht kann man ihn auf jeden Fall auch als nette Kleinigkeit für einen ruhigen Abend betrachten.
Den Film kann ich ganz klar empfehlen!